Systems99
2007-12-15
Realnamen in den Newsgroups

In den Diskussionsgruppen des de-Usenet und der T-Online-Hierarchie flammt immer wieder die Diskussion um die Verwendung von Realnamen auf. Die Debatte wird meist sehr schnell sehr heftig und ist für Neulinge, die sich bisher nur in anderen Bereichen des Internet, z.B. im Chat oder in Online-Games bewegt haben, oft nicht leicht zu verstehen. Deshalb hier der Versuch, einen Überblick zu geben.

Wie für vieles im Leben, so gibt es auch für das Usenet Regeln. Das sind einerseits technische Regeln, die die verwendeten Programme betreffen und deren Wirken im besten Fall für den Benutzer unsichtbar bleibt, das sind aber auch formale Regeln für das Aussehen von Beiträgen, und das sind Kommunikationsregeln - wie die Realnamensregel, um die es hier geht. Diese Regeln sind mit dem Aufbau des Usenet entstanden, wurden vielfach diskutiert und gemeinsam erarbeitet und wurden schließlich durch Abstimmungen in Kraft gesetzt oder haben sich, weil sie sich bewährt haben, einfach als gute Gewohnheiten eingebürgert.

Jeder, der schon länger in den Newsgroups liest und schreibt, hat sich irgendwann einmal mit den geltenden Regeln auseinandergesetzt, hat sie vielleicht in Frage gestellt und mit anderen darüber diskutiert, und die meisten haben sich schließlich die Regeln zu eigen gemacht und halten sich daran. Die Newsgroups funktionieren und man kann sie nutzen, um die Themen zu behandeln, für die sie eingerichtet sind. Denn diese Themen sind der Grund, weshalb wir lesend und schreibend an den Gruppen teilnehmen. Woran hingegen niemand Bedarf hat, ist eine ständig und überall geführte Diskussion über die Regeln. Es gibt besondere Gruppen, wie z.B. de.soc.netzkultur.umgangsformen oder t-online.talk.usenet , die eigens für solche Debatten geschaffen wurden, aber aus den anderen Gruppen sollte man solche Diskussionen fernhalten, weil sie dort nur stören.

Mancher Neuankömmling findet diese Debatte natürlich spannend und möchte sich daran beteiligen oder Änderungen vorschlagen. Mancher ärgert sich auch über eine vielleicht etwas barsche Zurechtweisung und möchte an Ort und Stelle seinen Regelverstoß diskutieren und rechtfertigen. Aber für die Anwesenden ist das meist schon die hundertste Auseinandersetzung dieser Art und sie haben keine Lust, sie erneut mit den immer gleichen Argumenten zu führen oder mitzuerleben. Die Diskussion ist geführt, das Pro und Kontra ist bekannt, die Regeln sind wie sie sind und haben sich bewährt, und fertig. Wer aber den Wunsch hat, die wichtigsten Argumente für Realnamen im Usenet kennenzulernen, findet hier eine Zusammenfassung. Die Realnamensregel lautet sinngemäß:

Jeder Teilnehmer soll seinen richtigen bürgerlichen Vor- und Zunamen so in seinem Newsreader eintragen, dass er im "From"-Eintrag des Headers erscheint.

 

(1) Ich habe aber ein Recht auf Anonymität - Das Usenet ist, wie das gesamte Internet, ein Veröffentlichungs-Medium. Wer nicht an die Öffentlichkeit will, braucht nicht daran teilzunehmen. Wer daran teilnimmt, sollte sich keine Illusionen über die Möglichkeit machen, auf Dauer anonym zu bleiben. Es gibt einige Gruppen, in denen Pseudonyme aus gutem Grund geduldet werden, weil es z.B. um Selbsthilfe nach Vergewaltigung oder um Suchtrehabilitation geht. Aber auch dort kann niemand sicher damit rechnen, auf Dauer unerkannt zu bleiben. Eher helfen da schon Server, an die man Beiträge senden kann und die sie dann ohne rekonstruierbare Hinweise auf ihre Herkunft in die Newsgroups stellen, z.B. anonymisierende Mail-to-News-Gateways. Aber solche Systeme sind für wirklich kritische Fälle gedacht und es wäre Missbrauch, sie für normale Postings in normale Gruppen zu verwenden. In diesem Sinne gilt: es gibt faktisch keine Anonymität im Usenet. Man sollte sich da von Anfang an keine Illusionen machen. Es wurde schon mancher eines Tages "geoutet", der sich für besonders trickreich gehalten hatte.

(2) Ich will den Käse, den ich heute schreibe, nicht in zehn Jahren vorgehalten bekommen - Dann schreibe keinen Käse oder lass es ganz. - Im Ernst: es gibt Archive, die Usenet-Beiträge über ziemlich lange Zeit speichern. Nicht alle diese Archive respektieren den Headereintrag X-No-Archive: Yes, der dazu gedacht ist, die Archivierung eines Beitrages zu verhindern. Wer etwas veröffentlicht, wird immer damit rechnen müssen, eines Tages wieder damit konfrontiert zu werden. Bleibt also nur, darauf zu achten, dass die "Jugendsünden" nicht allzu schrecklich ausfallen. Was der Qualität der Postings sicher nicht schadet. Man sollte sich aber auch vor Paranoia hüten: Wer wollte einem ernsthaft in einigen Jahren einen Strick aus alten Postings drehen?

(3) Warum genügt nicht mein wirklicher Vorname? - Bei Verwendung von Vornamen sind sehr viele Namensgleichheiten zu befürchten und es ist nicht im Interesse des Schreibenden selbst, ständig verwechselt zu werden. Außerdem geht es bei der Realnamensregel wirklich darum, mit seinem vollen bürgerlichen Namen identifizierbar zu dem zu stehen, was man schreibt. Dazu genügt der Vorname nicht. Manche Teilnehmer, die besonders starken Wert auf Realnamen legen, haben in ihren Newsreadern auch einfach Filter eingerichtet, die Beiträge mit nur einem Wort im From unterdrücken. Solche Filter werden besonders oft von erfahrenen Teilnehmern verwendet, die ihr Wissen nur mit Fragestellern teilen wollen, die sich an die Regeln halten.

(4) Ich finde Pseudonyme originell und unterhaltsam - Es gibt Bereiche im Internet, wo Pseudos am Platz oder sogar erwünscht sind. Das ist in Game-Bereichen so, im Netmeeting oder im Chat. Hier geht es um die Newsgruppen, und da sind Realnamen üblich. Man geht auch nicht mit einer Pappnase in die Bank. Was an anderen Orten angebracht sein mag, wirkt hier oft einfach nur lächerlich. Niemand hat Lust, dem dritten "Commander Kirk" in dieser Woche die Innereien des Betriebssytems zu erklären, das ihn an der Rückkehr in seine Sphären hindert. Usenet ist auch Hilfe auf Gegenseitigkeit. Es kann auf Dauer nur dann funktionieren, wenn genügend Fragesteller da bleiben und mit der Zeit zu Antwortgebern werden. Wer nur kurz landet, Auskunft heischt und gleich wieder abfliegen will, verkennt dieses Prinzip und wird manchmal unwillig empfangen. Ein Pseudonym gilt auch als Zeichen dafür, dass sich jemand nicht auf Dauer in den Newsgroups beteiligen will.

(5) Es gibt aber offenbar auch Pseudos, die von allen akzeptiert werden - Es gibt in der Tat einige wenige Leute, die seit langem mit Pseudonym posten, und wo die Netzgemeinde es aufgegeben hat, sie davon abhalten zu wollen. Aber das sind nur ein paar von den ganz "alten Hasen", die sich im Laufe der Jahre durch Sachkenntnis ein bedeutendes Ansehen erworben haben, dazu ein paar Clowns, die man akzeptiert, wie das in jeder Gemeinschaft der Fall ist, und ein paar notorische Quälgeister, an denen man sich gelegentlich gewohnheitsmäßig reibt. Der Rang eines geduldeten Pseudos wird nur in besonderen Fällen vergeben. Und nicht wenige Regulars haben auch diese Edelpseudos im Killfilter und ignorieren ihre Beiträge softwaremäßig.

(6) Wer Pseudos filtert, dem entgehen möglicherweise gute Beiträge - Wer Pseudos filtert, hat die Erfahrung gemacht, dass er damit von mehr unwichtigen Beiträgen verschont bleibt, als ihm wichtige entgehen. Deshalb filtert er. Diejenigen, von denen erfahrungsgemäß immer die brauchbaren Auskünfte kommen, verwenden Realnamen, weil sie schon lange genug dabei sind, und die Regeln akzeptieren. Bei denen, die mit Pseudonym posten, ist der Anteil an unbrauchbaren Beiträgen erfahrungsgemäß sehr viel größer. Jeder muß sich seine Zeit einteilen. Vor die Wahl gestellt, einen Teil der zu lesenden Postings ohnehin weglassen zu müssen, entscheiden sich viele u.a. für das automatische Aussortieren von Beiträgen pseudonymer Verfasser. Es geht ganz einfach auch um die Frage, mit wem man lieber seine knappe Online-Zeit verbringt. Bei solchen Entscheidungen orientiert man sich auch im Alltag oft an ganz äußerlichen Erkennungsmerkmalen. Und niemand findet im normalen Leben etwas dabei, sich einer Gruppe äußerlich ein wenig anzupassen, von der er aufgenommen werden will.

(7) Warum wird das Thema Realnamen so wichtig genommen? - In der Alltagskommunikation stehen uns viele Möglichkeiten zur Verfügung, die Verlässlichkeit einer Information einzuschätzen: Wie sieht unser Gesprächspartner aus, wie ist er gekleidet, was für ein Gesicht macht er, wo haben wir ihn getroffen? Welches Ansehen genießt die Zeitschrift, in der wir eine Information finden? Gelten der Sender und die Sendung als seriös, deren Bericht wir hören oder sehen? Im Usenet sind diese Begleitwahrnehmungen sehr beschränkt. Es gibt wenig Kontext, aus dem wir auf die Verlässlichkeit einer Information schliessen könnten. Um diesen Mangel zu beheben und die "virtuelle" Kommunikation im wirklichen Leben zu verankern, wird besonderer Wert darauf gelegt, dass jeder sich mit seiner Alltagsidentität zu seinen Beiträgen stellt, und seinen wirklichen Namen angibt. Manche gehen über diese Forderung hinaus und nennen z.B. auch noch die Adresse ihrer Homepage - nicht nur, um dort viele Besucher zählen zu können, sondern um einen zusätzlichen Kontext für die Bewertung ihrer Beiträge anzubieten.

(8) Aber Regeln kann man doch auch demokratisch ändern - Ja, aber nicht jede Woche. Es gibt, wie erwähnt, Gruppen, in denen diese Regeldiskussion ihren Platz hat und es gibt Verfahren, wie Regeln geändert werden. Diese Verfahren sind aufwendig und legen es nicht nahe, aus einer Laune heraus eine Regeländerung vom Zaun zu brechen. Das ist gut so, denn auch Stabilität ist ein Wert. Und die Realnamensregel beruht nicht einmal auf Abstimmungen sondern auf informellem Konsens. Das macht sie noch zählebiger. Die Realnamensdiskussion ist ein Thema, das fast ständig irgendwo gewälzt wird. Der Geltung der Realnamensregel hat das bislang keinen Abbruch getan. Änderungsvorschläge dürften letztlich keine Mehrheit finden, denn die Dauerbewohner des Netzes können mit dieser Regel seit langem sehr gut leben.

 

Zum Weiterlesen:

Einmal sollte sie jede(r) lesen: news:de.newusers.infos
auch zu haben auf: http://www.kirchwitz.de/~amk/dni

Ein interessanter amerikanischer Beitrag (TNX to Stefan 'Sherlog' Otto): http://smg.media.mit.edu/people/Judith/Identity/IdentityDeception.html