Sommer 2015 – 22. August
Verona – (Brunnthal) – Riemerling
(11 km Rad)

An diesem letzten Tag der Reise mussten wir uns beim Frühstück beeilen, denn um 9:30 Uhr sollte der Bus in Richtung Heimat abfahren. Wir holten unsere Räder aus der Tiefgarage und da stand er schon, diesmal kein mittelgroßes Fahrzeug mit Anhänger, sondern ein Kleinbus, in dem vorne der Fahrer und die insgesamt sechs Fahrgäste sitzen konnten und hiunten gut Platz für die Räder und alles Gepäck war. Alles wurde gut verstaut und dann ging es los, bis zum Brenner meist in der Nähe unserer Fahrradroute, so dass wir vielerorts die Wege nochmal sehen konnten, die wir zurückgelegt hatten.

Zeitweise ging es auch für uns etwas zäh dahin, aber vor allem in Gegenrichtung waren von Italien bis vor München oft riesige Staus. Wir hatten verabredet, dass wir nicht mit bis zum ZOB an der Hackerbrücke fahren müssten, sondern schon in Hofolding aussteigen konnten. Der Bus verließ kurz die Autobahn, wir stiegen aus und konnten das letzte Stück bei bestem Wetter bis nach Hause radeln.

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1430 km weit waren wir in diesen 21 Tagen insgesamt geradelt.

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Sommer 2015 – 21. August
Rosolina Mare – (Padova) – Verona
(84 km Rad)

Das Frühstück war eher unbefriedigend. Der Kaffee kam wieder einmal aus einem der Pulverkaffee-Automaten, wie wir sie auch schon in Moskau angetroffen hatten und schmeckte entsprechend, die gereichten Backwaren erinnerten in Geschmack und Konsistenz eher an Pappe. Das hier länger residierende Ferienvolk lässt sich anscheinend allerhand gefallen.

Wir reisten ab, deckten uns noch im Supermarkt um die Ecke mit Proviant ein und machten uns auf den nun schon wohlbekannten Weg in Richtung Chioggia. Auf den Straßen war allerhand los und auch die Straßenmeisterei und die Feuerwehr waren unterwegs, um Sturmschäden zu beseitigen. Bäume, Plakate und Verkehrsschilder waren in Mitleidenschaft gezogen.

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Vor Erreichen des eigentlichen Ortes Chioggia bogen wir entlang dem Flusslauf der Brenta westwärts ab und folgten dann auf einer mäßig zuverlässig beschilderten Fahrradroute dem Lauf des Bacchiglione. Hier war es angenehm ruhig.

Mit kurzen Abschnitten auf stärker befahrenen Straßen ging es so weiter, meist auf den Dämmen des Bacchiglione entlang. Selten kam Gegenverkehr.

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In den Randbezirken von Padova wurde das Angebot von Radwegen ziemlich abwechslungsreich. Mal war ein Schutzstreifen wechselnder Breite von der Fahrbahn abmarkiert,

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mal gab es breite gepflasterte Radwege, die unvermittelt endeten.

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Dann ging es wieder ganz ruhig an einem Kanal entlang.

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Schließlich waren wir mitten in Padova, an dem schönen Platz Prato della Valle.

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Da suchten wir uns eine Bank, ruhten eine Weile aus und fuhren dann weiter durch die Stadt bis zum Bahnhof.

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Die Zugfahrt nach Verona wurde das übliche Abenteuer. Der von Venedig kommende Zug schien recht gefragt zu sein, jedenfalls warteten mit uns noch recht viele andere Reisende und auch einige Radler. Und wie immer wusste niemand, ob der Zug ein Fahrradabteil führt, und an welchem Ende das gegebenenfalls ist. Wir hatten uns auf gut Glück für das vordere Zugende entschieden, sahen dort bei der Einfahrt des Zuges kein Fahrradsymbol, liefen also nach hinten, sahen dort auch keines, bekamen von einem Schaffner die Auskunft, es sei doch vorne, radelten also, klingelnd und rufend, damit uns die ausgestiegenen Fahrgäste Platz machten, wieder den ganzen Bahnsteig entlang nach vorne und kamen da endlich in einem recht unpraktisch möblierten Abteil unter, wo schon drei Rennradler aus Mailand ihre Räder hängend und stehend untergebracht hatten. Der Zug fuhr ab.

Mit Mühe arrangierten ein älteres italienisches Ehepaar und wir unsere Räder so um, dass sie, die nach Vicenza wollten, zuerst aussteigen konnten und so fuhren wir, bei unseren Rädern stehend, nach Verona. Dort ging es dann noch per Rad zum Hotel, das wir bereits bei unserer letzten Durchreise, gute zwei Wochen zuvor, gebucht hatten.

Abends holten wir nochmal unsere Räder aus der Tiefgarage, gondelten ein Wenig durch Verona, gingen in einer Slowfood-Trattoria am Rande der Altstadt gut und originell essen und gönnten uns zum Abschluss noch ein feines Eis.

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Sommer 2015 – 20. August
Codigoro – Rosolina Mare – (Chioggia)
(102 km)

In der Nacht gab es kein Geräusch, als das gleichmäßige ferne Tönen irgendeiner Maschine in der nahen Konservenfabrik. Das störte nicht weiter und so haben wir sehr gut geschlafen.

Am Morgen ging es dann ohne Frühstück los, und erst in einem der nächsten kleinen Orte kehrten wir zu Kaffee und Croissants in einer Bar ein. In einem anderen kleinen Ort, Mesola, kauften wir eine Semmel und ein Stück Käse, in einem weiteren Ort gab es einen Obstladen, wo wir Trauben bekamen und prima reife Feigen vom eigenen Baum des Händlers.

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Danach kam ein ziemlich unangenehmes Wegstück, denn über die verschiedenen Arme und Kanäle, in denen Po und Etsch hier münden, gibt es nur die großen Brücken der Hauptstraße und so fuhren wir wieder einmal ständig überholt von schweren Lkw, die immer eine für Radler sehr irritierende Windschleppe hinter sich herziehen.

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Einige Male konnten wir auf Nebenstraßen ausweichen, aber die Rückkehr auf die schnell befahrene Hauptstraße ist  dann, vor allem von links kommend, auch immer ein Abenteuer der besonderen Art.

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Ein Problem an diesem Tag war, dass wir mangels Internetzugang im Hotel von Codigoro noch kein Hotel für die kommende Nacht hatten buchen können. Erst in Rosolina, wo wir Pause machten, gelang es mir, einen mobilen Internetzugang zum Roamingtarif zu aktivieren und Friederike buchte ein Zimmer in Rosolina Mare, das der Beschreibung nach nahe genug an Chioggia zu liegen schien, wo wir auf dieser Reise unbedingt einmal hin wollten, nachdem das vor zwei Jahren nicht geklappt hatte.

Ein Stück hinter Rosolina konnten wir dann endlich abbiegen. Auf einem Damm-Radweg ging es ziemlich holperig unserem Übernachtungsort Rosolina Mare zu. DCIM103GOPRODas Hotel Sole war auch schnell gefunden. Die Zimmer in seinen zwei Trakten haben sehr große Terrassen, die direkt aneinander grenzen. Die Gäste gegenüber schienen einen Hund zu haben, denn dort standen nicht nur eine Bierdose auf dem Tisch und Fress- und Trinknäpfe auf dem Boden, sondern die Terrasse zierten auch zwei beachtliche Hundehaufen.

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Friederike wollte ins Meer, also machten wir uns mit leichtem Gepäck auf zum Strand. Während sie schwamm, guckte ich mir das bunte und vielfach belustigende Strandleben an.

20150820_160431Für den Abend hatten wir uns, wie gesagt, Chioggia vorgenommen, und wir ließen uns auch nicht davon abschrecken, dass die gemessene Entfernung etwas über zwanzig Kilometer betrug. Die Schnellstraße nach Möglichkeit meidend, gelangten wir schließlich dort hin, machten einen kleinen Rundgang in der wirklich sehr malerischen Stadt und setzen uns schließlich, abseits des Touristenstroms, vor eine kleine Trattoria, wo wir gut mit einem Meeresfrüchte-Menü beköstigt wurden.

20150820_192130Die Wirtin wurde wegen der rasch einsetzenden Dunkelheit schon etwas nervös, aber uns schienen die Wolken noch weit genug entfernt, um sicher zurück ins Hotel zu kommen.

Während unserer Fahrt begann beinahe ringsum in der Ferne Wetterleuchten, aber es blieb trocken und kräftiger Wind blies uns voran. Das ging so lange gut, wie wir nach Südwesten fuhren. Das letzte Stück von knapp zehn Kilometern allerdings begann in entgegengesetzter Richtung und nun machte uns der ständig stärker werdende Wind schwer zu schaffen. Als Blitz und Donner immer näher kamen und rasch heftiger werdender Regen einsetzte, nahmen wir schnell Zuflucht zu einem einzeln stehenden Haus und suchten Schutz in der wetterabgewandten Türnische eines Anbaus mit einem kleinen Dachüberstand.

Bald blitzte und donnerte es in unmittelbarer Nähe, der Sturm riss Zweige von den Bäumen und trug sie mit sich fort, dem heftigen Regen gesellte sich Hagel bei und schließlich lief die Dachrinne unseres Refugiums über und wir wurden, so sehr wir uns auch in die Nische drückten, auf der Vorderseite gut durchnässt.

Als der Regen nachzulassen begann, machten wir uns auf den restlichen Rückweg. Im Hotel hatte der Sturm auf unserer Terrasse die schweren stählernen Stühle und unsere frisch gewaschene Wäsche verblasen und fremde Handtücher herbeigeweht. Wir räumten etwas auf, zogen trockene Kleider an und gingen für einen Abendtrunk in die Hotelbar. Studio_20150823_150503

Sommer 2015 – 19. August
Ravenna – Codigoro
(95 km)

Nachts war es laut gewesen. Gegenüber dem Hotel befand sich eine Kneipe namens Woodstock und die dortigen Gäste unterhielten sich bis weit nach Mitternacht lautstark. Auch später waren noch lärmende Leute auf der Straße und schon früh kamen Straßenreinigung und Müllabfuhr.

Wir fuhren noch einmal zur Piazza, um sie bei Tage zu sehen, dann hinaus aus der Stadt. Unterwegs fanden wir in einer Wohnanlage mit einigen kleinen Läden unseren Proviant. Wir essen noch immer kiloweise Weintrauben, aber langsam ist unser Appetit darauf gesättigt.

Nachts hatte es geregnet. Der Himmel war bedeckt und es war bedeutend kühler als in den letzten beiden Wochen, aber nur in Pausen zogen wir unsere Windstopper-Jacken an. Während der Fahrt genügten immer noch Hemd oder T-Shirt.

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Nach einiger Zeit erreichten wir die Valli di  Comacchio, einen großen See im Nationalpark des Po-Deltas. Meist auf Dämmen fuhren wir durch eine sonst völlig ebene Landschaft. Einmal mussten wir auf einer kleinen Fähre einen Kanal überqueren.

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Wir sahen Reiher, Möven, Flamingos, Fasanen, einen Hasen. In dem lagunenartigen See lagen zum Teil verfallene Häuser auf künstlich angelegten kleinen Inseln.

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Wir kamen in Comacchio  vorbei, das mit seinen malerischen Kanälen vor allem bei deutschen Touristen sehr beliebt zu sein scheint und ließen uns dort bei einem Brunnen zur Brotzeit nieder.

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Etwas ferner sahen wir die mächtigen Wasserstrahlen von großen Bewässerungsanlagen und als wir wieder auf größere Straßen kamen, überholten uns wieder, wie schon neulich, die hoch überladenen Lkw, die eine Spur einzelner verlorener Tomaten hinterließen, in Kurven und Kreisverkehren hätte man sich für so manche Mahlzeit mit Soßentomaten eindecken können.

Nach einer nervenbelastenden Fahrt auf der Fernstraße, ständig überholt von riesigen Lastzügen, gelangten wir schließlich zur Abtei von Pomposa, die wir vor einigen Jahren bereits besichtigt hatten. Hier hielten wir uns länger auf, denn die ursprünglich auf über 100 km berechnete Tagesetappe hatten wir zwar deutlich verkürzt und waren schon früh in Zielnähe, aber wir hatten telefonisch Nachricht erhalten, dass das Hotelzimmer erst um 18 Uhr beziehbar sei.

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Der Weg dorthin wurde allerdings recht lang, denn in dem Bemühen, auf den letzten zwei Kilometern die schreckliche Hauptstraße zu meiden, verhedderten wir uns auf Feldwegen. Das Hotel schließlich war modern, das Zimmer geräumig, aber es war doch ein Reinfall, denn es gab weder das im Internet abgebildete Restaurant, noch überhaupt eine Internetverbindung, was unsere weiteren Planungen, einschließlich Hotelbuchung für die darauffolgende Nacht, erheblich beeinträchtigte.

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Das Hotel, vor nicht allzu langen Jahren wohl mit großen Erwartungen und einem schmucken Restaurant erbaut, liegt am Rande eines Gewerbegebietes, das auch Ziel von vielen Tomatenlastern ist, die sich dort in einer Konservenfabrik entleeren.

Zum Abendessen mussten wir nochmal zurück zur Abtei, wo es ein kleines, etwas prolliges Restaurant gibt. Diesmal nahmen wir den umständlichen aber Lkw-freien Weg über die Dörfer und so hatten wir am Ende des Tages die 100 km doch fast erreicht.

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Sommer 2015 – 18. August
Riccione – Ravenna
(74 km)

Nach der Abfahrt aus Riccione ging es noch einmal für einige Stunden die endlosen Strandorte entlang, die, einer dicht am anderen, die Adria säumen.
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Manchmal wurde es uns in der ersten Reihe zu viel mit urlaubsträgen Strandbesuchern, unsicheren Freizeitradlern, Kindern und Erwachsenen, die gedankenlos kreuz und quer über den Weg liefen. Dann wichen wir aus in die zweite oder dritte Reihe, wo die Hotels sind, die Restaurants, die Shops für Souvenirs und Strandzubehör, die Sexläden, die Restaurants und die Bars.
Studio_20150819_000529Einmal waren wir noch am Strand und Friederike erkundete die Bademöglichkeiten, aber am freien Strand gab es keine Duschen, und mit salziger Haut weiterzuradeln, hätte nicht gut getan.
Studio_20150819_000601An der Marina von Cesenatico schwelgten wir nochmal in Bildern und Farben, dann ging es noch einige Kilometer am Meer entlang, bis wir die Küste verließen.
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Der weitere Weg führte, oft an Kanälen entlang, wo uns die zahlreichen Fischerhütten mit ihren Netzen faszinierten, dann auch auf Feldwegen und durch Pinienwälder, nach St. Apolinare in Classe und schließlich zu unserem Hotel in Ravenna.
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Am Abend liefen wir noch zur Piazza del Popolo und aßen dort im wunderschönen Ambiente des Platzes zu Abend.
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Sommer 2015 – 17. August
Ancona – Riccione
(99,5 km)

Die Fahrt heraus aus Ancona, nordwärts der Küste entlang, war eine heftige Angelegenheit. Weit über Falconara hinaus, bis Montemarciano, fuhren wir fast durchgehend mit hoher Geschwindigkeit im starken Verkehr der Hauptstraße.
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Studio_20150817_235215 Erst dann konnten wir die Eisenbahnlinie unterqueren und nun ging es über viele Kilometer am Strand entlang. Liegestühle, Sonnenschirme, Badehäuschen und die dazugehörigen Badegäste in endloser Folge. In einer Bar wo eher Lieferanten und Handwerker verkehrten, machten wir Halt.
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Studio_20150817_235342 Erinnerungen wurden in Fano wach, wo wir vor Jahren einmal ein paar Tage Badeurlaub mit den Kindern gemacht hatten. Auf dem Hauptplatz gönnten wir uns einen Kaffee und mieden unter der Markise des Lokals ein paar wenige Regentropfen.
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Dann führte unsere Route vom Meer weg über einen Hügel und das wurde am Ende der doch recht langen Tagesetappe anstrengender, als wir uns das vorgestellt hatten. Immerhin mussten wir von Meereshöhe auf etwa 160 Meter aufsteigen. Die Belohnung war dann eine rasante Abfahrt auf der am Abend wenig frequentierten Hauptstraße.

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Studio_20150817_235540 So erreichten wir schließlich unseren Zielort Riccione und, im Gewirr der Einbahnstraßen sicher geführt durch OpenStreetMap, schnell auch unser Hotel.
Studio_20150817_235800 Zum Abendessen suchten wir eine der vielen Pizzerien auf, die neben Souvenirläden, Geschäften für Spielzeug und Strandzubehör, Cafés und Eisdielen die Straßen säumen, wo sich am Abend das Strandvolk lärmend ergeht. Die Strandorte sind zwar vekehrsberuhigt, gegen den Menschenlärm, der uns auch noch in den Schlaf begleitete, hilft das aber nicht.
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Sommer 2015 – 16. August
Terni – Ancona
(per Bahn)

Heute war das Frühstück laut und chaotisch. Das System war mit den vielen Gästen, die gleichzeitig aufzutauchen schienen, hoffnungslos überfordert. Plätze, Teller, Gläser und Tassen waren ausgegangen, ebenso einige Bestandteile des Buffets. Wir sicherten uns einen frei werdenden Tisch und nach und nach kamen wir auch zu Speck, einem Rest Rührei, Semmeln, Käse, Hörnchen, Joghurt, zweierlei Kuchen, Kaffee, Milch, Saft und dem benötigten Besteck und Geschirr.

Mit dem auschecken durften wir uns Zeit lassen. Draußen regnete es leicht. Wir beluden unsere Räder in der Tiefgarage und fuhren dann im aufhörenden Regen eine kleine Runde durch die fast ausgestorben wirkende Stadt. Erst bei der zweiten Bank gelang es uns, Bargeld abzuheben. Unter den Schirmen eines Cafés an der Piazza Repubblica waren wir die einzigen Gäste

Schließlich machten wir uns auf zum Bahnhof, denn sonst gab es hier für uns nichts mehr zu tun. Wir brachten unsere Räder durch die Unterführung zum Bahnsteig. Die Szenerie am Bahnhof war merkwürdig. Ein Mann krakeelte herum, eine dicke Frau in einem morgenmantelähnlichen Kleid ging auf und ab, setzte sich hin, rauchte, lachte, ging wieder. Einige Inder wechselten mehrmals über die Gleise, der Lautsprecher quäkte Unverständliches.

Als der Zug kam, der im Fahrplan das Zeichen für Fahrradmitnahme trug, konnten wir keinen entsprechend gekennzeichneten Waggon entdecken. Also bugsierten wir Gepäck und Räder eilig hoch durch einen beliebigen Einstieg und richteten uns erst im Laufe der Fahrt einigermaßen im Vorraum ein. Den größeren Teil der Reise brachten wir im Stehen zu, denn ich musste immer wieder mein Fahrrad manövrieren, wenn Leute, warum auch immer, an unserem Ende des Wagens aussteigen wollten. Der Mensch benimmt sich in solchen Situationen sonderbar und verhindert oft durch hektisches Gedrängel, dass man ihm Platz macht.
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In Ancona war Endstation und so hatten wir etwas mehr Ruhe zum Aussteigen. Das Hotel war alsbald gefunden. Unser Zimmer war das entfernteste des Hauses und wir mussten innen quasi einmal ums Ganze herumlaufen, um es zu erreichen. Das Fenster war vergittert, denn unmittelbar davor lag das Flachdach des Nebenhauses.
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Die abendliche Essenssuche war nicht ganz einfach, denn in der näheren Umgebung des Hotels fanden wir nur Pizzaläden zum Straßenverkauf. Auf der Suche nach etwas wie einer Altstadt liefen wir erst an einer stark befahrenen Straße bergan, dann über Treppen wieder hinunter und noch ein ganzes Stück weiter, bis wir nach langem Laufen schließlich ein Lokal fanden, bei dem wir uns niederließen. Es war etwas vulgärschick, aber Essen und Weißwein waren in Ordnung. Den Heimweg nahmen wir hauptsächlich am Meer entlang und bei einem Stand am Straßenrand gab es noch ein gutes Eis.
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Sommer 2015 – 15. August
Spoleto – Terni
(57 km)

Das Frühstück im Vecchio Forno war eher italienisch-spartanisch. Lustiges Detail war ein Toaster am Buffet, dessen Stromkabel lose herunterhing und der auch sonst keine Zeichen rezenten Gebrauchs aufwies. Es war Feragosto, der Tag, an dem ganz Italien Urlaub macht. Um unsere Verpflegung brauchten wir dennoch nicht zu bangen, denn auf dem Weg zum Ausgangspunkt unserer Tagesetappe kamen wir an einem riesigen Supermarkt vorbei, der geöffnet hatte und gut frequentiert war. Da konnten wir Proviant einkaufen.Studio_20150816_082039Am Vorabend hatte ich ein wenig im Internet herumgesucht, weil mir die Aussicht nicht gefallen hatte, auf stark befahrenen Straßen nach Terni zu radeln. So war ich auf eine Route gekommen, die ein gutes Stück weit auf einer alten Bahntrasse verlief. Dadurch wurde der Anstieg viel weniger steil. Die zusätzliche Höhe ließ sich verkraften.Studio_20150816_082124

Die Strecke war gut ausgebaut und markiert, aber nicht asphaltiert. Das störte aber nur dort, wo feiner Schotter nur wenig verdichtet lag, so dass die Reifen keinen rechten Griff fanden. <br><br>Sonst war der Weg ein echter Höhepunkt dieser Reise. Zunächst immer leicht ansteigend, mit wunderbaren Ausblicken auf die Landschaft, einige Male über hohe Brücken. An einer Stelle steigt die Strecke im Bogen an und überquert dann die eigene Trasse. Eine ganz besondere Erfahrung aber war die Fahrt durch einige Tunnel, in denen es völlig finster war, so dass wir ausschließlich auf  unser Fahrradlicht angewiesen waren.Studio_20150816_082205Die Strecke war gut ausgebaut, aber nicht asphaltiert. Das störte aber nur dort, wo feiner Schotter nur wenig verdichtet lag, so dass die Reifen keinen rechten Griff fanden. <br><br>Sonst war der Weg ein echter Höhepunkt dieser Reise. Zunächst immer leicht ansteigend, mit wunderbaren Ausblicken auf die Landschaft, einige Male über hohe Brücken. An einer Stelle steigt die Strecke im Bogen an und überquert dann die eigene Trasse. Eine ganz besondere Erfahrung aber war die Fahrt durch einige Tunnel, in denen es völlig finster war, so dass wir ausschließlich auf  unser Fahrradlicht angewiesen waren.Studio_20150816_082400Kurz vor Scheggino verfing sich ein Steinchen im Inneren meines Kettenschutzes und verklemmte sich im unteren der Röhrchen, in denen die Kette läuft. Erst beim zweiten Reparaturversuch konnte ich den Eindringling entfernen. In Scheggino setzten wir uns erst an einen Brunnen unter Bäumen und machten Brotzeit, dann tranken wir noch einen Kaffee. Am späten Nachmittag wurde der Verkehr etwas dichter. Die Leute schienen von ihren Feiertagsausflügen zurückzufahren.Studio_20150816_082504An einem Wasserfall, der ein beliebtes Ausflugsziel zu sein schien, war alles zugeparkt und es herrschte Stau. Wir passierten noch einen modernen Straßentunnel und wenige Kilometer weiter begannen schon die Industrieanlagen von TerniStudio_20150816_082646

 

An einem Wasserfall, der ein beliebtes Ausflugsziel zu sein schien, war alles zugeparkt und es herrschte Stau. Wir passierten noch einen modernen Straßentunnel und wenige Kilometer weiter begannen schon die Industrieanlagen von Terni.

 

Am Bahnhof besorgten wir uns die Fahrkarten für den nächsten Tag, dann fuhren wir zu unserem diesmal recht noblen Hotel gleich gegenüber. Auf dessen Dachterrasse konnten wir dann auch, mit Blick auf den Bahnhof und die umliegenden Hügel, zu Abend essen.

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Sommer 2015 – 14. August
Bastia Umbra – Spoleto
(77 km)

Die Nacht war ruhig, das Frühstück in der großen Wohnküche sehr nett überwacht von dem angenehm ruhigen kleinen Signore, dessen Frau, wie wir erfuhren, gerade in Kanada weilte, wo sie zu Hause ist.

Wir kauften im Losfahren noch im nahen Conad ein, dann ging es durch ein paar Wohnstraßen wieder hinaus auf die Landstraße.
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Studio_20150815_002858Je näher wir an Assisi herankamen, umso stärker wurde der Verkehr.
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Wir überlegten lange, ob wir die Stadt umgehen oder tatsächlich bis zur Kathedrale hinauffahren sollten, die wir vor einigen Jahren schon einmal gesehen hatten. Schließlich entschieden wir uns, doch hinaufzufahren. Das war ziemlich mühsam, aber die Gebäude sind beeindruckend und der Ausblick in die Landschaft ist wunderbar.
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Für den weiteren Weg nach Spoleto sah unsere Route wieder größere Autostraßen vor, aber Friederike entdeckte eine kleine Tafel, die uns auf einen gut ausgeschilderten Radweg verwies, auf dem wir gut zu unserem Ziel gelangten.
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Das ging zwar nur selten bergauf, war aber wegen der Hitze und wegen des teils recht kräftigen Gegenwindes nicht ohne Anstrengung.
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Zeitweise führte unser Weg an einem Kanal entlang und der Windschatten an der ungewöhnlich steilen Böschung war recht willkommen.
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Das reservierte Hotel lag ein paar Kilometer vor der Stadt in ländlicher Gegend.
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Abends wollten wir noch in die Stadt, um unsere Erinnerungen an einen Besuch vor vielen Jahren wieder aufzufrischen, als wir,ebenfalls an Feragosto mit den Kindern da waren. Das Hotel von damals war inzwischen anderen Zwecken gewidmet, in der einstigen Trattoria residierte ein kleiner Pizzaservice.

Wir schoben unsere Räder ein Stück in die Altstadt hinauf, fanden hier an der Stelle alter Handwerkerläden moderne Geschäfte, fanden dann aber in einer Seitengasse eine einfache Trattoria, wo wir Zeugen einer etwas belastete Familiensituation bei den Wirtsleuten wurden, die über irgendetwas stritten, aber das Essen war ein echtes Highlight.

Abschließend fuhren wir noch hinauf in die Nähe des Domplatzes, stiegen die letzten Stufen zu Fuß hinauf und erlebten durch die weit geöffneten Türen der Kirche noch das Ende der Feierlichkeiten, mit denen jedes Jahr ein Madonnenheiligtum in einer Prozession von der unteren zur oberen Kirche getragen wird.

Die Abfahrt durch das Gewirr der Einbahnstraßen war nicht ganz einfach, aber schließlich landeten wir wieder auf der Piazza hinter dem doppelten Stadttor, wo vor einem Lokal laute Techno-Musik dröhnte und die Jugend des Ortes versammelt war. Wir kauften uns ein wundervolles Eis und schauten noch eine Weile zu, bis wir schließlich recht spät durch die Dunkelheit nach Hause navigierten.

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Sommer 2015 – 13. August
Passignano – (Perugia) – Bastia Umbra
(45 km)

Die Nacht war ruhig das Frühstück italienisch, mit ein paar Zugeständnissen ans Mitteleuropäische, unter anderem in Form von Automatenkaffee, der allerdings so greislich war, daß die Wirtin den wenigen Gästen hernach noch einen echten Espresso kredenzte. 
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Die Luft war angenehm lau, der See lag still im Vormittagslicht, aber der Verkehr im Ort war so, daß wir kaum aus der Hoteleinfahrt kamen. So ging es weiter. Erst als wir eine Autobahnzufahrt passiert hatten, wurde es leichter und dann kam bald schon der Aufstieg nach Magione
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Das lief, ausgeruht, wie wir waren, ganz passabel. In Magione war Markt und wir kauften dort etwas Obst. 
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Die Zufahrt auf Perugia war anstrengend. Nicht nur, wegen des Anstiegs, sondern auch wegen des starken Verkehrs, riesiger Kreisverkehre, unübersichtlicher Wegführung und vermutlich veralteter GPS-Routen, die uns an komplizierten Kreuzungsbauwerken entgegen der Fahrtrichtung führen wollten. 
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Am Rand der Altstadt von Perugia tranken wir am Straßenrand einen Kaffee und unterhielten uns mit dem Cafébesitzer, dessen Vater wohl aus nicht ganz durchsichtigen Gründen in deutschen Lagern gewesen war. Er wolle ein Buch darüber schreiben. 
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Es ging noch ein Stück aufwärts, dann wieder bergab. Der Verkehr blieb lästig. Irgendwo fanden wir eine kleine Grünfläche mit einer im Schatten liegenden, aber von der Sonne gut aufgeheizten Steinbank. Die Wasserstelle daneben war trocken. Im klimatisierten Supermarkt nebenan kaufte ich noch Pflaumen und Joghurt.Studio_20150813_182744
Wir blieben in der Nähe der Autobahn, die uns schon den ganzen Tag begleitet hatte, es ging noch aufwärts, es war heiß, wir machten trotz der nicht wirklich extremen Steigung mehrere Pausen. Der Himmel hatte sich vor uns etwas zugezogen und es fielen einige Regentropfen. Schließlich gelangten wir doch nach Bastia Umbra und zu unserem B&B Arcobaleno, wo uns ein sanfter freundlicher Herr empfing. Wir haben ein nettes Zimmer und ein geräumiges eigenes Bad gleich über den Flur. 
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Da wir nicht so weit gefahren und früh dran waren, hatten wir reichlich Zeit, uns über die nächsten Etappen klar zu werden. Dann gingen wir hinaus, etwas zu essen zu suchen. Wir liefen über eine Brücke auf die Altstadt zu, staunten über eine riesige alte Fabrik, die wohl Getreide zu Nudeln und anderem verarbeitet, taten uns zunächst etwas schwer mit der Auswahl zwischen den wenigen Restaurants, trafen am Ende aber eine gute Wahl und bekamen vorzüglich zu essen. 
Auf dem Rückweg machten wir noch kurz halt an einer Piazza, wo eine recht gute Jazzsängerin mit Combo auftrat, aber wir blieben nicht lang, denn wir wollten zurück ins Hotel, um noch den Aufenthalt an Feragosto in Terni zu buchen und uns auszuruhen.

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Sommer 2015 – 12. August
Arezzo – Passignano sul Trasimeno
(67 km)

Das Frühstück mussten wir uns in diesem Appartement selbst machen, alle Zutaten und Gerätschaften waren vorhanden, auch eine originale Haushalts-Caffettiera und Milch. Die Gebäckauswahl allerdings bestand aus einem Sortiment abgepackter Teilchen. 
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Wir zahlten, verabschiedeten uns und fuhren zunächst zu einem Supermarkt, um uns wieder mit Obst und Wasser einzudecken. Dann ging es auf einer langen, stark befahrenen Straße hinaus ins flache Land. Das war, mit knapp überholenden Lkw und Campern, lärmenden Motorrädern und einfach durch die Menge des Verkehrs ziemlich lästig. 
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Erst später kamen wir auf ruhigere Wege. Längere Zeit ging es auf einer gut befahrbaren Staubstraße vorbei an verstreut gelegenen Bauernhöfen, deren Ruinen und ihrer wiedererstandenen Daseinsform als Landsitze wohlhabender Städter oder Ferien-Resorts. Das ging recht flott dahin und war landschaftlich sehr reizvoll.
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Der Routenplan sah vor, daß wir anschließend recht steil nach Cortona aufsteigen sollten. Es war sehr heiß, der Weg, den wir vor uns sahen, war steil und die Karte zeigte uns, daß wir nur hinauf fahren würden, um der mittelalterlichen Stadt die Ehre zu geben und dann auf der anderen Seite wieder herunter zu fahren. Wir überlegten eine Weile und entschieden uns dann für den leichteren Weg. Auf einer anderen Straße konnten wir den Berg auf mittlerer Höhe umrunden, die Aussicht genießen und dann in Richtung auf den Lago Trasimeno abfahren und dabei wieder die geplante Route treffen. 
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So hatten wir die Steigung gemieden, die uns am meisten Sorgen bereitet hatte, aber das Ende der Tagestour war auch so noch anstrengend genug. Ein Stück weit fuhren wir auf einem Autobahn-Zubringer mit starkem Verkehr, es war heiß und gab wenig Schatten, es ging immer wieder einmal leicht bergauf und als wir die Gegend des Trasimeno erreicht hatten, konnten wir nicht, wie in unserer Phantasie, am See entlang radeln, sondern hatten zeitweise sogar die Autobahn zwischen uns und dem Wasser und mussten immer wieder leicht auf und ab. 
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In Passignano verfransten wir uns am Ende auch noch und fuhren unnötiger Weise in einen oberen Ortsteil, während unser Hotel liegt an der Straße, die am See entlang verläuft. Wir fanden es schließlich, wurden freundlich und ohne lästige Konversationsgirlanden empfangen, konnten unsere Räder gut verstauen und bekamen unser Zimmer. 
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Nach Duschen und Ruhepause gingen wir hinaus und an den See, der uns mit Passagierschiffen, Anlegestellen und Segelbooten sehr an die oberbayerischen Seen erinnerte. Wir liefen noch über schmale Treppenaufgänge und schmale Straßen hinauf in die obere Stadt, die ganz oben in einem Viertel nobler Villen mit See- und Fernblick endet. Dann besuchten wir noch die Plattform bei der Rocca Medioevale und genossen schließlich am Ufer bei einem Aperol Spritz den kitschigsten Sonnenuntergang über dem See. 
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Dann gingen wir auf Essenssuche, fanden die Trattoria, die wir schon vorher ausgesucht hatten, belegt und entdeckten so in einer nur wenig abgelegeneren Straße ein Lokal, wo das sonst oft suspekte Touristenmenü außerordentlich schmackhaft und reichhaltig war. Wir hatten Muscheln, verschiedene gegrillte Meeresfrüchte, Salat und eine Creme Brulé und waren sehr zufrieden. Zum Abschluss setzten wir uns an die Seepromenade, beobachteten Passanten und Halbwüchsige, die ein Raufturnier austrugen. Wir gingen schlafen.

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Sommer 2015 – 11. August
Pontassieve – Arezzo
(74 km)

Das Frühstück, das wir für halb neun bestellt hatten, ließ auf sich warten, umso mehr wurden wohl andere Gäste davon überrascht – wir hatten die falsche Zimmernumer auf die Bestellkarte geschrieben. Als es dann kam, war es wie erwartet: Saft, Kaffee, heiße Milch und ein Gebäckteilchen. Italienisch karg also, aber gut. Wir packten auf und verließen das charmante Haus.

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In einem riesigen Supermarkt besorgte Friederike noch reichlich Wasser, Trauben und etwas Käse, dann kreisten wir noch einmal durch den Ort und verfingen uns zunächst im Gewirr eines großen Verkehrsknktens, weil wir zuerst nicht glauben wollten, daß wir auf einer Hauptstraße fahren sollten.

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Das war aber so, und so begann unser Aufstieg in reichlicher Gesellschaft. Später wurde unsere Straße kleiner und weniger befahren, wand sich in Serpentinen hinauf und wir hatten wundervolle Ausblicke über die typische toskanische Berglandschaft.

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In Leccio überraschte uns ein Gewerbegebiet mit Outlets großer internationaler Modemarken. Ich dachte an Roberto Saviano und seine Schilderung toskanischer Swestshops, in denen Chinesen für die Mafia gefälschte Markenmode produzieren. Gerade in dem Moment begegnete uns ein Fahrzeug der Guardia Finanzia…

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Wir sahen viele Olivenhaine und Weinberge, rochen die würzige Luft und kamen im milden toskanischen Abendlicht nach Arezzo. Das Hotel war auch schnell erreicht, das Einchecken war etwas chaotisch, weil der sehr umständlich beflissene Manager seinen Wortschwall synchron in dreierlei Sprachen auf mehrere zugleich angereiste Gäste ergoss und dabei bald selbst ziemlich aus dem Takt kam. Das Gebäude ist eigentlich ein Appartementhaus und unser Zimmer riesengroß, mit einem normalen Balkon und einem, der dadurch gebildet wird, daß das Haus spitz zuläuft und sich der Architekt da eine Struktur aus eckigen Betonsäulen und Zwischenräumen ausgedacht hat – ein zugiger Platz, ideal zum Wäschetrocknen und so nutzten wir ihn dann auch. Zwischen den Säulen hindurch sieht man nicht weit entfernt den Bahnhof von Arezzo und am Haus entlang fahren die Züge.

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Wir breiteten uns aus, wuschen Handwäsche und gingen dann in die Altstadt zum Abendessen. Die Qual lag in der Wahl, denn es gibt zahlreiche Lokale unterschiedlicher Art und es dauerte, bis wir uns entscheiden konnten, dann aber war es gut. Friederike bekam Pizza, ich Trippa (Kutteln).

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Daß wir nun wirklich im südlichen Sommer gelandet sind, zeigte das bunte und laute Straßenleben, das uns spät am Abend draußen empfing. Wir kauften uns noch ein Eis, setzten uns damit auf eine Bank vor der Eisdiele und beobachteten das muntere Treiben vor allem junger Leute.

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Sommer 2015 – 10. August
Cento – (Bologna – Firenze) – Pontassieve
(41 km Rad)

Die Nacht war sehr ruhig und durch das Gewitter, das in der Nähe vorbeigezogen war, auch angenehm kühler – verglichen mit den Nächten zuvor, denn auch hier konnten wir leicht auf jede Zudecke verzichten. wpid-studio_20150810_193026.jpg

Zum Frühstück gab es Obst und verschiedenes süßes Gebäck zum Kaffee. Auf die je zwei abgepackten Zwiebackscheiben verzichteten wir, auch auf die Marmeladenportiönchen. Der Mangojoghurt schmeckte ziemlich künstlich. Die Dicke saß an der Rezeption vor einem großen Monitor und sah fern. Die Gouvernante fegte die Lobby. Im hinteren Garten saß ein apathischer Greis. Der einzig völlig normal wirkende Mensch war der „marito“ der Dicken, der emsig umherlief und Dinge erledigte.
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Der Himmel war bedeckt und es hatte tatsächlich merklich abgekühlt. Wir holten unsere Räder aus dem Heizungskeller und machten uns auf den Weg. Oft vom Rückenwind geschoben, bisweilen auch von Seitenwind bedrängt, fuhren wir ein wenig im Zickzack durch die weite Ebene. 
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Schemenhaft tauchten im Süden die Berge auf, die wir nicht erklimmen wollten, denn der Aufstieg wäre höher und steiler gewesen, als der Alpenübergang. An der Peripherie von Bologna kaufte ich mir in einem großen Sportcenter eine gepolsterte Radlerhose, denn mein Sitzfleisch verlangte nach Schonung. 
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Das Navi führte uns auf einer der üblichen netten Sightseeingrouten durch normale Wohngegenden zum Bahnhof Bologna Mazzini, von wo aus wir heute ein Wenig mit dem Zug fahren wollten. Bologna Mazzini liegt auf einer Brücke und ist über Treppen und Aufzüge erreichbar. Auskunft gibt es nicht. Wir orientierten uns, kauften an einem Automaten mit vorzüglicher Benutzerführung Fahrkarten für uns und die Räder und gingen zum Kaffeetrinken in eine nahe Bar, wo uns ein Ukrainer ein Gespräch über dies und jenes aufdrängte. 
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Beizeiten machten wir uns auf zum Bahnhof, mißtrauten dem einen Aufzug, der sehr seltsame Gerãusche von sich gab und nahmen den anderen, der uns einzeln wohlbehalten nach oben zum Bahnsteig brachte. 

Als der Zug kam, liefen wir ganz nach vorne, wo wir das Fahrradabteil entdeckt hatten. Unsere Räder durften da bleiben, uns selbst dirigierte der Schaffner in den nächsten Wagen, denn der erste war gesperrt, weil die Beleuchtung nicht funktionierte. So gelangten wir nach Prato, wo wir umsteigen sollten. Unterwegs ging draußen ein sehr heftiger Regenguss nieder. 

In Prato raus aus dem Zug, runter mit dem Lift, rauf mit dem Lift, wir kamen in Übung. Überall wurden nun zunehmende Verspätungen angezeigt. Ein Zug fiel ganz aus Zum Glück nicht unserer. Vor den Anzeigetafeln bildeten sich Gruppen debattierender Menschen. Eine halbe Stunde später als erwartet kam unser Zug. Er war fast leer und so stark gekühlt, daß wir wärmere Kleidung auspackten. Die konnten wir dann auch beim Aussteigen gebrauchen, denn es war merklich kühler und nieselte leicht. 
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Der Aufzug am Bahnhof in Pontassieve war zu klein für ein Fahrrad. Ich führte meines voll beladen ganz langsam die Treppe hinunter, Friederike zog es vor, Gepäck und Fahrrad einzeln zu transportieren. Der Ausgang des Bahnhofs war dann zum Glück ebenerdig und eine kurze Fahrt brachte uns – wie fast immer zielgenau navigiert – zu unserer Unterkunft. 
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Das B&B, das Friederike über Booking gefunden hatte, erwies sich als sehr nette Wahl. Der Empfang war zugleich effizient und herzlich, das Haus war voller Kunstobjekte der lustigsten Art und zugleich voller nützlicher und praktischer Ideen. So gab es, um nur ein Beispiel zu nennen, folierte Karten für die Auswahl des im Zimmer zu servierenden Frühstücks, einen Folienstift zum Ankreuzen und an der Rezeption einen Kasten zum Einwerfen der ausgefüllten Karten. Vieles war auch verspielt und verwirrend und bei der Abreise würden wir darauf achten müssen, daß sich nicht einzelne unserer eigenen Sachen in der bunten Vielfalt verirren und zurückbleiben. Auch ökologischer Geist wehte. Warmwasser wurde mit Sonnenenergje erzeugt, es gab ein Geheft mit Hinweisen zu sonstigen umweltschonenden Verhaltensweisen 
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Etwas zum Abendessen zu finden, war in dem Ort gar nicht so einfach. Wir konsultierten Hinweise im Hotel, liefen eine Weile durch den Ort, in dem nur einige modern gemeinte Bausünden hervorstechen, wie ein nachts in wechselnden Farben angestrahltes Aufzugsgebäude zu einem höher gelegenen Ortsteil, fanden eine nichtssagende Pizzeria und schließlich, mit Hilfe von OpenStreetMap ein ganz nettes Lokal mit einer gut deutsch sprechenden Wirtin und recht gutem Essen. Auf die sortenreiche Auswahl deutscher Biere haben wir verzichtet und sind beim Rotwein geblieben. 

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Sommer 2015 – 9. August
Bonferraro – Cento
(84 km)

Zum Schutz gegen Mücken hatten wir den Rolladen fest geschlossen gelassen, so daß es in unserem Zimmer auch nach Sonnenaufgang stockfinster blieb, und nachdem wir uns im Laufe der Zeit auch einigermaßen an das laute Geräusch der Klimaanlage außen am Haus gewöhnt hatten, verschliefen wir bis um halb Neun.

Wir standen auf, packten, holten unsere Fahrräder und verließen das Hotel. In einer Bar frühstückten wir auf italienische Art mit Kaffee und Gebäck, dann machten wir uns auf den weiteren Weg durch die endlose Ebene.

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Wir kamen an Ruinen verlassener Bauernhöfe vorbei,

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passierten kleine Städte und Ortschaften die heute, am Sonntag, wie ausgestorben wirkten,

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deckten uns in einem Supermarkt mit Semmeln, Trauben, Milch und acht Litern Wasser ein,

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fuhren lange Zeit auf den Dämmen des Po,

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machten Rast in irgndeinem Ort, zwischen Sportplatz und Kirche,

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sahen Bewässerungsanlagen, Wehre und andere Flussbauwerke,

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rochen Feigenbäume, frisch gedroschenes Getreide und den Gestank aus der Massenhaltung von Huhn und Schwein. Wir orientierten uns an zahllosen Kreuzungen und Kreisverkehren,

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sahen heute kaum Radler, aber viele Erntefahrzeuge und große Transporter mit Getreide, gehäckseltem Futtermais und Tomaten.

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Lange folgten wir einer Spur von Tomaten, die offenbar einer der überladenen Lkw verloren hatte, alle hundert Meter eine, beim Kurvenfahren im Kreisverkehr einige mehr.

Wir sahen überfahrene Katzen, Igel und vor allem große, langschwänzige Ratten in beachtlicher Zahl. In der Luft viele Reiher, einmal Rebhühner, auf Stromleitungen aufgereihte Ringeltauben, aufflatternde Starenwolken.

Pappelplantagen sind auch eine Spezialität der Gegend,

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und Hirseanbau, den ich noch nie in Natur gesehen hatte.

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Als wir im Hotel ankamen, erhob sich eine dicke ältere Lady schwerfällig aus dem Fernsehsessel und checkte uns schnaufend ein. Während wir duschten, donnerte es draußen kräftig, aber Regen blieb aus.

Wir aßen im Hotel unter der Regie einer etwas gestrengen aber korrekten Kellnerin, die einzigen weiteren Gäste waren sechs Monteure, unter ihnen ein Senegalese. Das Essen war gut.

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Sommer 2015 – 8. August
Rivalta – (Verona) – Bonferraro
(82 km)

Die Nacht war gut, nur gegen sechs Uhr früh begann ich die Ansagen wahrzunehmen, die in kurzen Zeitabständen vom Bahnhof herüberwehten: (Bimbam) „Attenzione! Treno in transito al binario due. Allontanarsi dalla linea gialla.“ Zweimal nacheinander, dann das Rauschen des Zuges. Wir drehten uns noch ein paarmal zur Seite, aber dann war doch Zeit, aufzustehen. 
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Das Frühstück begann zäh. Eine der Damen, die wir schon am Vortag kennen gelernt hatten, richtete ein wenig unseren Tisch her, stellte sich aber selbst als Gästin vor. Erst nach einer Weile erschien auch die Signora und brachte Semmeln, Hörnchen, Butter, Marmelade und einen bitteren Kaffee, der Tote hätte erwecken können. 

Mit dem Bezahlen ging es ebenfalls etwas holprig, denn inzwischen telefonierte die Signora, anscheinend handelte es sich um einen Trauerfall. Hoffentlich nicht in der Runde der betagten Gäste vom Vorabend. Nebenher schrieb sie unsere Rechnung für Zimmer und Abendessen und kassierte. Beinahe hätten wir in dem Chaos noch vergessen, unsere Personalausweise zurückzuverlangen, die sie bei unserer Ankunft verlangt hatte. 
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Schließlich waren wir aber doch richtig auf der Straße und fuhren weiter gen Süden. Die Berge wichen seitlich zurück, zwischen uns und der Ebene lag nur noch ein Höhenzug, auf dem sich fleißig vier Windräder drehten. Auf der Autobahn, an der wir ein ganzes Stück entlang fuhren, herrschte zähfließender Verkehr bis Stau. 
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Der Berg, den wir noch zu überwinden hatten, war nicht ganz leicht zu nehmen, auch wenn wir inzwischen wieder ganz gut in Übung sind. Dafür gab es oben eine weite Aussicht in das Tal, aus dem wir gekommen waren, und auf der anderen Seite ging es so flott und steil bergab, daß wir die Leute schier bedauerten, die uns entgegen kamen. 
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Die Karte auf meinem Navi hatte uns schon verraten, daß unten im Berg ein Kanal verlief. Als wir die Stelle erreicht hatten, wo er wieder hervortritt, ging unser Weg am Kanal entlang weiter, auf dem Damm, über Brücken neben dem Wassertrog, bis kurz vor Verona. Leicht und schnell gelangten wir in die Stadt hinein, umrundeten die Piazza Brà und ließen uns dann vor einem Café nieder. 
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Anschließend wies uns OpenStreetMap auf meinem Smartphone wieder einmal rasch den Weg zu einer Trinkwasserstelle, wo ein kleiner Junge selbstvergessen aus einem Plastikschälchen trank und vergoss und ein Mädchen nicht von dem Druckknopf weichen wollte, mit dem der Hahn geöffnet wird, so daß sie allen Leuten beim Zapfen half. 
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Verona wieder zu verlassen, war sehr viel schwieriger, als hinein zu gelangen. Wir fuhren auf langen breiten Ausfallstraßen, durch riesige Kreisverkehre, endlose Gewerbegebiete und Vororte, bis wir an die Peripherie gelangten und sich die platte Weite der Poebene vor uns ausbreitete. Die Hitze machte uns an diesem bisher heißesten Tag des Jahres sehr zu schaffen. Hatte uns aus den Bergen heraus noch der kräftige Rückenwind geschoben, der auch die Windräder trieb, so stand jetzt die Luft und an manchen Stellen fuhren wir wie gegen eine Wand aus Hitze, wie bem Öffnen eines Backofens. In einem großen Supermarkt auf dem Land kauften wir Obst und Wasser. Unser Durst war enorm. 
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So waren wir recht froh über den Dunst, der nachmittags das Sonnenlicht dämpfte, und über einzelne dünne Wolkenschleier, die etwas Schatten spendeten.
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An unserem Hotel in Bonferraro stand eine Telefonnummer, die wir anrufen mussten. Nach zehn Minuten kam dann mit dem Auto ein überaus freundlicher junger Mann, der uns einließ und uns zusätzlich zu unserem Zimmer auch noch den Schlüssel zu einem Laden-Appartement im Parterre überließ, damit wir dort unsere Fahrräder einstellen konnten. 

Wir genossen den Komfort von Klimaanlage und Dusche und gingen dann in eine nahe Trattoria, in der die Gäste statt Antipasto, Primo und Secondo nacheinander mehrere Portionen verschiedener Risotti aßen. Schließlich waren wir in einem Reisanbaugebiet und das wurde hier wohl ausgiebig zelebriert. Gemüse oder gar Salat haben wir in dem Lokal nirgends gesehen. Wir fühlten uns schon nach je einer Portion gut gesättigt und probierten zum Abschluss noch „Mustarda e Grana“, pikant in Senf eingelegte Früchte mit würzigem Hartkäse. So war auch unser Salzhaushalt nach dem schweißtreibenden Tag wieder ausgeglichen. 

Den weiteren Abend verbrachten wir mit Bloggen und Planen für die nächsten Etappen. Die Fotos zum Text macht übrigens, eines alle dreißig Sekunden, eine an meinem Fahrrad befestigte GoPro-Kamera. Daher der bisweilen extreme Weitwinkel-Effekt, der ganz witzige Verfremdungen schafft.

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Sommer 2015 – 7. August
Mezzocorona – Rivalta
(87 km)

Der gestrige Tag war heiß gewesen und in der Nacht kühlte es nicht wesentlich ab. Um dem Straßenlärm zu entgehen, probierten wir es mit der Klimaanlage, aber die erwies sich als nicht besonders leistungsfähig. So folgten dem heißen Tag eine heiße Nacht – und wiederum ein heißer Tag.

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Wir starteten etwas eher als sonst, verließen den Ort und folgten weiter dem Radweg, der heute über weite Strecken auf Flussdämmen verlief.

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In Trento versorgten wir uns mit Semmeln, Käse, Tomaten und einer großen Tüte Weintrauben. Dann setzten wir uns an der Piazza del Duomo vor ein Café und sahen der Feuerwehr zu, die mit einem riesigen Kran verkohlte Balkenstücke aus der Glockenstube der Torre Civica barg. Dort hatte es, wie wir Internet-Berichten entnahmen, vor drei Tagen ordentlich gebrannt, vermutlich durch einen Kurzschluss.

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Bald nach Trento kamen wir an einem kleinen Flughafen vorbei, von dem aus ein Kleinflugzeug die Segelflieger aufzog, die wir schon länger beobachtet hatten. Weiter ging es auf Dämmen durch das mal eng werdende, dann wieder sich weitende Tal. Zeitweise kam kräftiger heißer Gegenwind auf, der uns keine Kühlung verschaffte. Nur wenn beidseitig der Strecke Bäume und Sträucher standen, war es angenehm kühler. Dafür fanden wir auch heute immer wieder Wasserstellen, wenn auch nicht so häufig wie am Vortag.

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In Rovereto machten wir nochmal Kaffeepause, dann ging es mit einigen hitzebedingten Halten weiter, mal auf den Dämmen der Etsch, mal durch ausgedehnte Weingärten, mal links das eine, rechts das andere. Immer wieder freuten wir uns über den Geruch den Feigenbäume in der Hitze verströmen und den wir intensiv mit Reisen in südlichen Ländern verbinden. Leider bildeten etliche Kläranlagen, die wir passierten, dazu einen eher unwillkommenen olfaktorischen Kontrast.

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Unsere Wasservorräte waren mehrere Male geleert und wieder aufgefüllt, Tomaten und Trauben aufgegessen, als wir schließlich in Rivalta ankamen. Im Hotel Olivo verursachten wir eine kleine Welle der Aufregung unter einigen alten Frauen. Sie liefen und riefen, bis es ihnen mit Hilfe eines dicken Mannes gelang, die Gittertür des Eingangs aufzuschließen, hinter der sie hervorlugten. Schließlich kam auch noch eine Jüngere, die unsere Papiere verlangte, gleich wieder verschwand, um kühles Wasser für uns zu holen, dann den Schlüssel aushändigte, uns in die Garage geleitete, damit wir unsere Räder einstellen konnten und schließlich auch noch für Strom in unserem Zimmer sorgte, das wir mit südländisch heruntergelassenem Rolladen und finster vorgefunden hatten.

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Mit kühlem Duschen versuchten wir, die Schweissströme zu beenden, die an uns herunterflossen. Schließlich gingen wir zum Abendessen, wo es (leider etwas trockene) Tagliatelle mit schwarzen Trüffeln gab, und neben anderen Gästen eine Geburtstagsgesellschaft überwiegend betagter Herrschaften, die uns ein Wenig wie ein skandinavischer Dogma-Film erschien. Zeitweise glaubten wir, die unterschwelligen Spannungen mit Händen zu greifen. Wir blieben sitzen, bestellten noch etwas Rotwein und genossen den kühler werdenden Abend.

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Sommer 2015 – 6. August
Chiusa – Mezzocorona
(76 km)

Die Tische zum Frühstück waren nach Zimmern durchnummeriert. Es gab ein ganz ordentliches Buffet und auch der Kaffee, der in Warmhaltekannen auf den Tischen bereit stand, war besser, als am Vortag. Die Gäste kamen uns großenteils etwas grantig vor, was an den Folgen des feuchtfröhlichen Grillfestes gelegen haben mag. Die kleine Kellnerin, die uns am Abend durch merklichen Zungenschlag aufgefallen war, schien wieder fit. Während wir vor dem Hotel unsere Räder bepackten, sammelte der junge Wirt seine Hausgäste zu einer kleinen Exkursion. Ein riesiger Schäferhund war auch dabei.

Wir hatten uns vorgenommen, bei der Abreise nochmal durch die hübsche Altstadt von Chiusa zu fahren, kauften dabei Obst und Tomaten, Friederike wusch sie am Brunnen vor dem Lokal, wo wir am Vortag gegessen hatten, dann fuhren wir los.
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Die Route begann etwas wellig, ging aber nach einiger Zeit in einen sehr angenehmen Bahntrassenweg über, wo wir mit recht konstantem Gefälle über alte Brücken und durch kühle dunkle Tunnels dahinfahren konnten. Ähnlich angenehm ging es dann weiter bis Bozen, wo wir in einem Café an der Piazza Walther Rast machten.

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Bozen bezeichnet sich als Fahrradstadt und tatsächlich wird da recht viel geradelt, wir fanden gut ausgebaute Wege und es gibt sogar Luftpumpenstationen. Der weitere Weg lief so angenehm dahin, wie wir das schon für die Abfahrt vom Brenner gewünscht hätten. Der Radweg ist gut ausgebaut, es gibt Rastplätze und Trinkwasserstellen und beides brauchten wir, denn es war enorm heiß und es gab im weiteren Verlauf kaum schattige Abschnitte.

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An einem Rastplatz saßen wir in einer Weinlaube und probierten ein paar von den noch kleinen aber schon schmackhaften Trauben. An den Wasserstationen trafen wir andere Radler, die sich ausgiebig frisch machten. Es waren, einzeln und in Gruppen, ungeachtet der Hitze ziemlich viele Radler unterwegs. Wie wir, ordentlich bepackt, für eine lange Reise, oder fast ohne Gepäck mit dem Rennrad, darunter einige zähe, gegerbte ältere Männer. Eine Gruppe von Österreichern, die wir trafen, zwei Männer, zwei Frauen, waren ganz leicht unterwegs und erzählten,dass ein fünfter Mann ihr Gepäck transportierte. Sie berichteten, dass es über vierzig Grad habe. Viel fehlte bestimmt nicht.
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Wir waren gut in der Zeit und gönnten uns häufige Pausen. Heute nicht wegen Steigungen, sondern wegen der enormen Hitze. Am Ende erreichten wir Grumo/Mezzocorona, wo wir uns schließlich, zu unserer nicht geringen Überraschung vor einem Hotel wiederfanden, in dem wir vor zwei Jahren schon einmal übernachtet hatten. Damals kamen wir über den Reschenpass und kreuzten hier das Tal auf dem Weg nach Venedig. Deshalb hieß der Ort damals für uns auch „Mezzocorona“ und nicht, wie heute, wo wir aus der anderen Richtung kamen, das am Kreisverkehr vor dem Haus angrenzende Grumo/San Michele.
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Der Mann an der Rezeption war unbeflissen wie einst und auch die Pizzeria nebenan existierte noch. Dort aßen wir denn auch zu Abend, nicht mit Bier, sondern mit Wasser und Wein, denn langsam wird es in allem echt italienisch.
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Sommer 2015 – 5. August
Gries – Chiusa/Klausen
(75 km)

Die Nacht war ruhig, nachdem sich das Gewitter ausgetobt hatte, der Morgen war kühl und, als sich die Talnebel verzogen hatten, blau und klar. Das Semmelfrühstück war eher einfach und der Kaffee ging mir auf den Magen.
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Für die fünf Kilometer von Gries zum Brenner brauchten wir fast eineinhalb Stunden, weil wir uns Zeit ließen und immer wieder Pause machten. Als Bahnfahrer, die vom Brenner immer nur den eher einsamen Bahnhof kennen gelernt hatten, staunten wir über den belebten Ort. Wir ließen uns zur Belohnung für den Aufstieg auf einen Kaffee nieder, wurden von ein paar Leuten wegen unserer Tour und unserer Ausrüstung befragt und bestaunt, kauften Obst und fuhren weiter, in Erwartung einer gemächlichen Abfahrt.
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Zunächst fuhren wir auf und entlang der Staatsstraße, dann folgten wir einem Radweg, der ein ganzes Stück in ein Tal hinein und mit einigen Steigungen bei Gossensass wieder heraus führte. Auch der weitere Verlauf des Radweges enthielt ein paar Steigungen, die uns auf der Hauptstraße erspart geblieben wären. In Sterzing wuschen wir unser Obst an einem Trinkbrunnen, der nur drei dünne Rinnsale spendete.
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Ein Stück weit ging es dann entlang der Autobahn, bei Stilfes wieder weg von ihr und in steten Wellen mit unangenehmen Anstiegen und ein paar sehr steilen Abfahrten weiter, bis wir Bahn, Fluss und Autostrada schließlich wieder erreichten. Wir kamen nach Franzensfeste, dann ging es einen steinigen Weg steil aufwärts und wieder hinab, was eher unserer Vorstellung von einem Mountainbike-Trail entspach, als der gemütlichen Abfahrt, die wir erwartet hatten.
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Wieder am Eisack-Fluss entlang kamen wir nach Brixen und tranken Apfelschorle, während sich ein altes sächselndes Paar neben uns riesigen Eisbechern hingab.
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Das letzte Wegstück schließlich führte uns immer am Fluss entlang zum Zielort des Tages, Chiusa/Klausen. Da hatten wir im Laitacherhof reserviert und bekamen ein recht anständiges, aber etwas duster beleuchtetes Zimmer mit dem Charme der späten Siebzigerjahre, dunklem Holz, indirektem Licht aus der Vorhangblende und erbswurstsuppengrüner Sanitärkeramik.
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Die etwas wortreiche Dame vom Empfang legte uns sehr den heutigen Grillabend ans Herz, aber da ist das Angebot für Friederike als Vegetarierin ja eher bescheiden und es war uns auch nicht nach der Gesellschaft der übrigen Hausgäste.

So bezogen wir unser Zimmer und gingen später in die Altstadt, wo wir am Ende einer langen Gasse mit malerischen, zum Teil mittelalterlichen Häusern an einem netten Platz das Lokal zum Hirschen fanden, wo es zwar keine ausgestopften Jagdtrophäen gab, aber gutes Essen und interessantes naturtübes Bozener Bier. Wir waren von der Tagesetappe etwas enttäuscht gewesen, aber der Abend brachte das wieder in Ordnung.

Als wir im Hotel ankamen, war der Grillabend mit Heimatmusik noch nicht zu Ende. Wir setzten uns noch zu einem letzten Bier in den leeren Gastraum und nutzten den oben in unserem Zimmer nicht verfügbaren Internetzugang. Am Ende stand mit einer Hotelbuchung auch die nächste Reiseetappe fest.
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Sommer 2015 – 4. August
Kolsass – Gries am Brenner
(61 km)

Heute gab es kein Frühstück. Unser erster Weg führte zum Supermarkt, um Obst und Tomaten zu kaufen. Der zweite Weg sollte in ein Café führen, aber das haben wir irgendwie verpasst und so folgten wir zuerst dem durch das weite Tal mäandernden Radweg innaufwärts.

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Später kamen Gewebegebiete, erstaunlicher Weise auch einige große Recyclingunternehmen, die ich an dieser Stelle eher nicht erwartet hätte, in Wattens die riesige Fabrik von Swarowski, die mit ihren wuchtigen Gebäuden und Anlagen den alten Ort vollkommen erdrückte. Dann kamen aber auch wieder Maisäcker, Krautäcker und große Felder mit Küchenkräutern. In Hall machten wir einen Abstecher zu einem Café am Fuße der Altstadt und gönnten uns ein verspätetes Frühstück aus Milchkaffee und österreichischen Kipferln zum Eintauchen.

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Dann ging es weiter, teils in unmittelbarer Nähe zu Auto- und Eisenbahn,  dann auch wieder am Inn entlang und schließlich hinein nach Innsbruck, wo wir langsam die Altstadt durchquerten.

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Auf der anderen Seite begann bald  in weiten Kurven der Anstieg aus dem Tal.

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Dann wurden die Kurven enger, die Straße weiterhin ansteigend aber nicht mehr so steil. Schon von weitem sahen wir hoch oben die weit gespannte Europabrücke der Autobahn, die wir schließlich unterquerten.

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Begleitet von Motorrädern, Campern, Pkw und gelegentlichen Lkw kamen wir nach Matrei, wo wir am starken Strahl eines Trinkwasserbrunnens unsere Vorräte auffüllen konnten, und schließlich in das ebenso malerische Steinach.

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Von da war es dann nicht mehr allzu weit bis zu unserem Tagesziel, Gries am Brenner, wo wir ein Zimmer im Weißen Rössl gebucht hatten.

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Man hatte uns offenbar erst später erwartet und so wurde das Zimmer erst hergerichtet, während wir unter Sonnenschirmen im kleinen Gastgarten hinter dem Haus gespritzen Apfelsaft tranken. Unser Zimmer war hell und licht und mit weißen Möbeln aus dem Hause Ikea eingerichtet, darunter die derzeit berüchtigte Kommode mit dem sprechenden Namen „Malm“, die kleine amerikanische Kinder unter sich begräbt, wenn sie an den Schubladen zu klettern versuchen und niemand den Eltern die Aufbauanleitung vorgelesen hat, in der steht, man möge Malm kippsicher an der Wand befestigen. Auch hier, in Gries am Brenner, war dies nicht geschehen.

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Wir richteten uns ein, machten uns frisch, ruhten eine Weile und gingen dann nach unten in die Jägerstube zum Abendessen. Dort wimmelte es nur so von ausgestopftem Getier. Da gab es einen Dachs, Wiesel, Murmeltiere, an den Wänden Gamsköpfe und solche von Rehböcken, zahlreiche Geweihe, etliches Federvieh, mindestens zwei Wolpertinger, und in einer Ecke röhrte ein veritabler Sechzehnender mit brünftig herauspräpariertem Geschlechtsteil. Über unser Mahl schließlich wachte ein ebenfalls beachtlicher Hirschkopf.

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Wir ließen es uns schmecken, tranken noch ein Bier und gingen dann ungewöhnlich zeitig zu Bett. Der Tag war anstrengend gewesen und der nächste würde es nicht minder.

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Sommer 2015 – 3. August
Lenggries – Kolsass
(79 km)

Das Hotelfrühstück im Arabella Brauneck ließ keine Wünsche offen. Es gab allerlei kleine Semmeln und Brezen, Wurst, Käse, Schinken, Obadztn, Eier- und Fleischsalat, vorgeweichtes Getreideschrot, Quark, Joghurt und Vanillecreme, Rostbratwürste, Rührei, auf der Zunge schmelzenden gerösteten Speck, Croissants, Schoko-Rotwein-Kuchen und vieles andere mehr. Wir konnten natürlich bei weitem nicht alles probieren, aber einiges davon gönnten wir uns doch.

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Der erste Weg führte uns zu einem Schuhgeschäft, wo ich mir zusätzliche Löcher in meinen neuen Gürtel stanzen ließ, denn der Verkäufer auf der Auer Dult hatte meinen Leibesumfang deutlich unterschätzt und ich drohte, meine Shorts zu verlieren. Eine freundliche Schuhverkäuferin half dem ab.

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Dann ging es über die Isarbrücke und auf der Straße weiter nach Wegscheid, dann ans östliche Isarufer und entlang der Bundesstraße zum Sylvensteinsee und weiter am Walchen entlang, dann auf der Achenseestraße oder ihrer Nähe, dann sehr schön am Ufer des Achensees. In einem netten kleinen Wirtsgarten am See machten wir Pause und tranken Cafelatte. Eine arabische Familie mit jungen Frauen in Kopftüchern und einer älteren im Tschador war auch da.
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Hinter Maurach gab es eine kleine Verwirrung hinsichtlich des Wegverlaufs, aber so gelangten wir in den Genuss, die dampf- und rauchgetriebene Achensee-Zahnradbahn den Berg herauf keuchen zu sehen. Von da an ging es auf der serpentinenreichen Hauptstraße flott abwärts abwärts ins Inntal. Friederike brachte es auf 45, ich auf 59 km/h.
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In der Nähe von Jenbach gelangten wir zum Inn und von da an ging es immer in Tuchfühlung mit Auto- oder Eisenbahn innaufwärts. Kurz hinter Schwaz,  bei Terfens, wechselten wir ans rechte Innufer und kamen alsbald nach Kolsass und zur Pension Edelweiß, wo wir gebucht hatten. Ein Kuvert mit unserem Schlüssel hing schon an der Tür, die Rezeption war im Schreibwaren- und Andenkenladen unten im Haus, Zimmer und Bad waren einfach aber völlig in Ordnung. Wir machten uns frisch, wuschen etwas kleine Wäsche, ruhten uns aus und gingen dann hinaus, um das Gasthaus Steixner zu suchen,  das ein Handzettel im Zimmer empfohlen hatte.

Zuerst suchten wir in Richtung Kirchplatz, dann fragte Friederike ein paar Jungs, die in einer Garage an ihren Mopeds bastelten. Sie meinten, das wäre ganz schön weit, den  Berg rauf, drüben wieder runter, über den Bach, dann nach rechts. Die Anleitung stimmte, nach vielleicht 800 Metern waren wir da.

Der Gasthof war freundlich, das Essen gut die Gäste aus verschiedenen Ländern. Neben uns unterhielt ein freundlicher tiroler Bauer seine auswärtigen Freunde mit Geschichten aus der Gegend und verspeiste dabei einen beachtlichen Fleischspieß. Wir waren zufrieden und gingen zurück zur Pension.
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