21. April
Bologna – München (19 km Rad) 

Trotz der unmittelbaren Bahnhofsnähe schliefen wir recht gut in der Casa di Gino, bis morgens eine sehr sorgfältige Kehrmaschine vor unserem Fenster kreuzte und etliche Rollkoffer vorbeizogen. Aber da hatten wir schon ausgeschlafen. In der Wohnung fand ich einen freundlichen und morgendlich noch recht undesignten Menschen, erfuhr, dass Namensgeber des Hauses nicht der Wiort selbst, sondern der maunzende Kater Gino sei, und ließ mir eine Pasticceria in der Nähe fürs Frühstück empfehlen. Wir holten unsere Fahrräder aus dem Treppenhaus und fuhren hin.

Danach verabschiedeten wir uns, bepackten unsere Räder und radelten auf die andere Seite des Bahnhofs, um uns, lange vor Abfahrt des Zuges, schon einmal in eine günstige Ausgangsposition zu bringen. Es dauerte allerdings eine Weile, bis das Abfahrtsgleis unseres Zuges angezeigt wurde. Die engen Aufzüge kannten wir schon von der Anreise und auch das Rätselraten über den Standort des Fahrradabteils. Die Anzeigemonitore für die Haltepunkte der Wagen wurden gerade neu montiert und waren deshalb nicht verfügbar. Also warteten wir auf gut Glück am einen Ende des Bahnsteigs, bereit, gegebenenfalls bei Einfahrt des Zuges loszuspurten. Wir hatten Glück. Der Zug wurde erst in Bologna eingesetzt, kam also reichlich vor der planmäßigen Abfahrt, der Fahrradwagen hielt ganz in unserer Nähe, eine robuste Schaffnerin erwartete uns bereits und der Weg zu unseren Sitzplätzen im übernächsten Waggon war auch gut zu schaffen. So ging es dann auch pünktlich los, hinaus in die sonnige Landschaft.

Mit der Zeit stiegen nacheinander zwei sehr unterschiedliche junge Frauen zu und nahmen die Plätze neben uns ein. Die erste Italienerin, stark geschminkt, mit Lippenstift und Wimperntusche, etwas pretiös und leicht verzweifelt weil die Steckdose am Platz nicht gleich Strom für ihr Telefon und ihren Apple Laptop lieferte. Sie machte auf ihrem Telefon lange ein Spiel, bei dem auf einer Weltkarte gelegentlich Länder explodierten. Die zweite, etwas später eingestiegen, in etwas punkigem Zwiebellook, Typ deutsche Studentin auf Wochenend-Heimreise, mit großen Kopfhörern und einem kleinen Notiz- und Skizzenbuch aus Valencia, sah etwas ernst aus, hatte aber ein sehr liebes Lächeln und telefonierte gleich mal laut mit ihrer Omi. Beiden gemeinsam: grobe, nicht ganz geschlossene schwarze Lederstiefel die sie bisweilen auch ganz ungeniert auf die Sitze legten.

Ansonsten das übliche Bild: In diesen Fernzügen ist nie genügend Platz für die Koffer der Reisenden, also stehen und liegen die auf den Gängen herum, rollen bei Anfahren, Bremsen und in Kurven herum, die Leute steigen schimpfend drüber oder zwängen sich daran vorbei. Schon lange vor einer Station entsteht Hektik bei denen, die aussteigen wollen. Die verstopfen dann mit ihrem Gepäck zusätzlich die Gänge. Nach dem Halt kommen dann ganze Kolonnen neu Zugestiegener ohne Reservierung, die einen Platz suchen. Fahren Waggonbauer Eisenbahn?

Auf den Gipfeln der Alpen lag Schnee. Als wir auf Rosenheim zu fuhren, sahen wir die ganze Bergkette in Weiß. Am münchener Hauptbahnhof ließen wir erst alle anderen aussteigen, ehe auch wir mit unseren elf Gepäckstücken folgten. Am Fahrradwagen hielt schon ein freundlicher dicker Schaffner unsere beiden Räder bereit zum herunterheben.

Es war kühl in München. Wir radelten auf wohlbekannten Wegen, besorgten beim Motorama noch Lebensmittel für den Abend und den nächsten Morgen und erreichten schließlich unser Heim, wo es saukalt war, weil ich in naiver Erwartung des Frühlings vor unserer Abreise die Heizung ausgeschaltet hatte. In Deutschland hatte es während unserer Abwesenheit einige Tage lang geschneit.

Hier unsere ganze Tour (627 km):

Track Italien April 2017

 

20. April
Ferrara – Bologna (70 km) 

Auch an diesem letzten Tag unserer Tour war uns das Wetter hold. Wir frühstückten nochmal in der Bar L’Angolo gegenüber unserem Alloggio Cavour, packten unsere Siebensachen und uns selbst in den engen Lift, beluden die Räder und ließen uns vom Navi den Weg aus der Stadt weisen. Wir hatten überhaupt beschlossen, uns für die Fahrt nach Bologna auf OpenStreetMap und die Osmand-App zu verlassen, denn der Routenvorschlag, den ich am Vorabend auf dem Tablet hatte errechnen lassen, sah überzeugend aus. Er führte uns nach Verlassen der Stadt fast nur auf kleinen, wenig befahrenen Straßen in leichtem Zickzack nach Süden. Nur auf zwei kurzen Strecken bekamen wir es unangenehm mit Schwerlastverkehr zu tun.

Schwerlastverkehr auf der Staatsstraße bei Malalbergo

Zum Schluss wurde es natürlich wieder etwas turbulenter, aber wir erreichten schon früher als erwartet und dort angekündigt unsere Unterkunft Casa di Gino in Bologna. Weil noch niemand da war, gaben wir per Email unsere Ankunft bekannt und suchten uns eine Bar in der Nähe, um dort zu warten. Wie so viele Bars auf unserer Reise wurde auch diese von Asiaten geführt. Es gab ein paar Münzspielgeräte und so hingen da auch einige Müßiggänger herum. Alsbald rief mich unser Wirt an und verkündete, dass wir erwartet würden.

Kirche bei Ponticelli di Malalbergo

Eine junge Frau ließ uns ein, zeigte uns alles und verschwand dann eilig wieder und ließ uns mit einem miauenden Kater zurück. Es gab einen Wohnraum, einen breiten Durchgang zur Küche, in dem ein großer Computermonitor stand, eine Tür zur Terrasse und einen Abgang zu vergitterten Räumen im Souterrain. Seitlich im Eingangsbereich führte eine Tür zu unseren Räumen. Die waren modern, aber recht duster eingerichtet. Im Bad stand das Praktische deutlich hinter dem Willen zum Design zurück. Interessantes Detail: Neben der Toilette gab es eine Handbrause.

Bei unserer Unterkuft in Bologna

Wir richteten uns ein, ruhten etwas aus und machten uns dann auf den Weg durch die Stadt. Auch in Bologna wird einiges für Radfahrer getan. In zwei breiten Straßen fanden wir in der Mitte von Bäumen gesäumte Radwege, Busspuren waren für Radfahrer freigegeben, einmal gab es rechts von der Busspur eine Spur für Fahrräder, an den Haltestellen musste man auf die Fahrgäste achten.

Bologna - Viale Giovanni Gozzadini

Das war alles weit davon entfernt, perfekt zu sein, aber es war doch sehr hilfreich – italienisches Verkehrsverhalten vorausgesetzt – denn hohe Aufmerksamkeit und flexible Fahrweise sind erfordert. Das Wetter war recht kühl und bald begannen wir, ein Lokal fürs Abendessen zu suchen. Am Ende fiel die Wahl auf La Bottega di Via Montegrappa 13, einen kleinen Laden, wo Pasta, Wein, besondere Getränke, Pastasaucen und Süßigkeiten verkauft wurden und wo man an kleinen Tischen hausgemachte Pasta mit frisch zubereiteten Saucen bekam. Das war nett und originell und nach einiger Zeit waren auch alle fünf Tische besetzt.

Zum krönenden Abschluss des Tages hätten wir uns noch über eine Pasticceria mit langer Abendöffnung gefreut, wie vergangenes Jahr in Palermo, aber so etwas schien es hier nicht zu geben und so kehrten wir bald zurück ins Reich des Katers Gino.

Track Ferrara-Bologna - 20.04.17

19. April
Ferrara (24 km) 

Der Tag begann mit strahlend blauem Himmel. Nach dem Frühstück starteten wir zu einer Rundfahrt auf der bzw. entlang der Stadtmauer, um Ferrara noch einmal aus anderen Blickwinkeln zu sehen. Das war ganz spannend, aber kürzer als erwartet. Ich fand aber noch einen Tourvorschlag, der kreuz und quer durch die Stadt führte und so gelangten wir nicht nur zu einigen Sehenswürdigkeiten, sondern auch in Gegenden mit kleinen Gassen und niedrigen Häusern, die recht malerisch waren. Einziges Problem: wie schon in anderen Städten sind viele Gassen hier mit großen runden Kieseln gepflastert und das rüttelt beim Fahren ganz furchtbar. Wir fragen uns, warum eine Stadt sich das antut und staunen immer wieder über Frauen, die auf diesem Pflaster mit hochhackigen Schuhen unterwegs sind, ohne sich die Beine zu brechen.

Auf der Stadtmauer von Ferrara

Ferrara bezeichnet sich als Fahrradstadt, ich würde sie fast eher als Stadt des shared space bezeichnen, denn zumindest Radfahrer und Fußgänger teilen sich, ungeachtet bisweilen abweichender Beschilderung, fast alle Wege und das funktioniert sehr gut, denn kaum jemand radelt extrem schnell, niemand verlässt sich auf Regeln, nicht einmal auf das scheinbar so fundamentale Rechtsfahrgebot und deshalb fahren alle aufmerksam und fehlertolerant. Wenn sich jemand einen Schnitzer leistet, bügeln die anderen das durch Geschicklichkeit aus und haben daran vermutlich mehr Freude, als mancher deutsche Verkehrsteilnehmer an seiner Rechthaberei.

Im Straßencafé

Das Wetter war nicht sehr warm und so zog es uns am Spätnachmittag zur Siesta in unser Zimmer zurück und wir machten uns erst am Abend wieder auf den Weg, studierten die Speisekarten verschiedener Lokale und landeten schließlich bei Le due Comari, was sowohl „Patinnen“ als auch „Klatschbasen“ heißen kann und ein Lokal mit Schwerpunkt Fisch ist. Das Essen war gut, die Portionen allerdings etwas zu übersichtlich. Immerhin lernten wir bei der Gelegenheit, dass es sich bei dem nach Spinat aussehenden, aber völlig anders schmeckenden Gemüse, das wir neulich auch auf dem Land in der Trattoria Ruzzenente bekommen hatten, um Zichorie, genauer um deren Sorte Catalogna handelte.

Ferrara - Via Guiseppe Garibaldi

Da auch der Wein in überschaubaren Mengen kredenzt wurde, schauten wir danach noch in einem winzigen Laden vorbei, wo uns ein Inder für erstaunlich wenig Geld einen ganz trinkbaren sizilianischen Nero d’Avola verkaufte, den wir mit aufs Zimmer nahmen, um ihn gemeinsam aus dem letzten im Alloggio Cavour auffindbaren Plastikbecher zu genießen.

18. April
Ferrara (9.5 km) 

Wir schliefen gründlich aus und gingen dann zum Frühstück in die Bar gegenüber, wo wir mit dem Kärtchen unserer Pension 10% Rabatt bekamen. Es war kühl und windig draußen. Als wir losradelten, blies uns eine Bö den Straßenstaub um die Ohren. In einer Durchfahrt am Dom wollten Arbeiter gelbe Müllsäcke aufladen. Bevor das Müllauto sie einziehen und in seinen Bauch verpressen konnte, flogen einige Säcke im Sturm davon, andere platzten und alles trieb hinaus auf den Domplatz, wo die Müllwerker die Einzelteile wieder einzufangen versuchten.

Wir fuhren zum Palazzo dei Diamanti, fanden allerdings die dortige Ausstellung geschlossen. Es begann zu regnen und wir gingen in ein Restaurant, um eine Kleinigkeit zu essen und fanden es danach auch ohne Regen so kalt und ungemütlich, dass wir ins Hotel fuhren und den Nachmittag verschliefen.

Am Abend hatten Wind und Regen aufgehört, aber es war kühl und die Straßen waren leergefegt. Auch in den Restaurants herrschte nachfeiertägliche Ruhe. In der kleinen Kneipe, wo wir schließlich einkehrten, waren wir die einzigen Gäste. Danach gingen wir durch beinahe leere Straßen auf kurzem Weg nach Hause.

​17. April
Ostiglia – Ferrara (63 km) 

Am Abend hatten wir auf eigene Faust unsere Räder ins Foyer gestellt, denn in der Ciminiera war niemand da, den wir hätten um Erlaubnis fragen können. Das erwies sich als nützlich, weil etwas später noch ein kräftiges Gewitter mit leichtem Hagel niederging. Das machte auch der Jahrmarktsmusik ein Ende und so konnten wir in Ruhe schlafen.

Am Morgen lernten wir schließlich jemanden vom Personal kennen, nämlich eine junge Rumänin, der man den Laden über die Feiertage ganz alleine überlassen hatte und der darüber sogar das Brot fürs Frühstück ausgegangen war. Hörnchen und Kuchen gab es noch und damit waren wir zufrieden. Wir zahten, packten und fuhren los. Ein recht kräftiger Wind hatte den Regen verblasen und weiße Wolken hingen am blauen Himmel. Wir hatten uns entschieden, nicht den rechtsseitigen Po-Radweg zu benutzen, sondern hatten das Navi befragt und blieben auf der linken Seite.

Kraftwerk am Po (Centrale termoelettrica di Ostiglia)

Da ging es nach einem Stück Industrielandschaft fast die ganze Zeit auf einer ruhigen Teerstraße den Damm entlang, mit Blick auf kleine Orte und auf Bauernhöfe, viele davon, wie schon an den letzten Tagen, dem Verfall preisgegeben. Oft waren einzelne Gebäudeteile hergerichtet und bewohnt, während daneben liegende verfielen oder schon eingestürzt waren und blühender Holunder durch die Fensterhöhlen wuchs.

Infotafel zum Radweg Sinistra Po

Der Weg wechselte mit Fluss und Damm immer wieder die Richtung uns so blies auch der Wind mal von hier, mal von da und machte das Fahren beschwerlicher. Es gab verschiedene Rastplätze und wir wählten einen, wo am Rande einer Pappelplantage ein Baumlehrpfad flusswärts führte. Die zum Teil schon recht großen Bäume trugen Schilder mit botanischen Angaben, einzelne auch mit Hinweisen auf die individuelle Herkunft des Setzlings. Später fuhren wir noch einmal nach der Landseite vom Damm herunter in einen kleinen Ort und besuchten eine Bar.

Via Argine Po - Straße auf dem Damm des Po

Mit der Zeit nahm der Ausflugsverkehr  auf unserer Straße zu und man bemerkte auch landschaftlich immer mehr die Annäherung an eine Stadt. Ich kündigte, wie erbeten, per SMS unsere Ankunft bei der gebuchten Unterkunft an und um 16:30 Uhr erreichten wir unser Alloggio Cavour in Ferrara. Unsere Räder erhielten einen sicheren Platz neben vielen anderen in einem abgeschlossenen Hinterhof und wir ein ordentliches Zimmer in der Pension im fünften Stock.

Brücke über den Po vor Ferrara

Nach einer Ruhepause machten wir uns zu Fuß auf in die Innenstadt, fanden bekannte Stellen und Ansichten von unserem Besuch vor etlichen Jahren, wanderten eine Zeit lang umher und gerieten schließlich eher zufällig in die Via delle Volte mit ihren charakteristischen Torbögen und den ortstypischen Gasthäusern, wo wir damals recht gut gespeist hatten.

Wir gingen ins Il Mandolino, hatten Capoletti mit Kürbisfüllung in Salbeibutter, Tortellini mit Fleischfüllung in Brühe vom Kapaun, gebackenen Käse mit Gemüsen sowie Kartoffelbrei mit gekochter gehackter Salami, Salama da sugo con purè di patate, einer ferrareser Spezialität, von der mir die Kellnerin zum Probieren zunächst nur eine halbe Portion brachte, bei der ich es auch gut hätte bewenden lassen können, aber das sehr deftige Gericht schmeckte mir, so dass ich auch die zweite Hälfte orderte. Gut gesättigt und zufrieden schlenderten wir durch die Gassen zurück.

17.04.17 Track Ostiglia-Ferrara

​16. April
Campazzo – Ostiglia (59 km) 

Nachts hörten wir ein paar mal klägliches Hundegeheul, gegen Morgen begannen der Hahn zu krähen und ein paar Tauben zu gurren. Landleben ist nicht leise.

Wir genossen die wahrhaft luxuriöse Dusche mit Hand- und Regenbrause hinter der großen Glaswand, gegen die wir nachts auf der Suche nach der Toilette mehrmals gelaufen waren. Alles war wunderbar komfortabel und funktionierte wie gewünscht.

Unten in der großen Küche fanden wir schon unser Frühstück aufgebaut, mit Obst und sauer eingelegtem Gemüse, Joghurt, Marmelade, Käse, Wurst und Toast, Saft und Kaffee. Kaum hatten wir uns niedergelassen, erschien auch schon die Signora und begann mit der Unterhaltung. Wir erfuhren, dass vergangene Woche ein Nachbarshund gestorben war, daher wohl das Gejaule seines Kumpanen; dass der ganze Hof Besitz der Großfamilie sei; dass ihr Vater vor vielen Jahren auf seinem Traktor von einem Lastwagen getötet wurde und dass sie das Haus mit viel Eigenarbeit so schön hergerichtet habe. – Wir hatten uns schon morgens im Bett darüber unterhalten, welchen wirtschaftlichen Nutzen wohl der viele Tand und Schnichschnack hätte, der uns umgab. Landwirtschaftliche Gerüche wurden durch chemische Düfte übertönt, die auf dem Flur leise schnaubenden batteriebetrieben Apparaten entströmten. Madame hatte uns, um ihre Arbeitsbelastung gerade vor Ostern zu erklären, bereits am Telefon über ihren Hauptberuf als Friseuse informiert, der sich auf den Borden und in den Schränken des Bades in unzähligen Dosen, Tuben und Fläschchen mit allerlei Salben und Essenzen für den Herrn und die Dame manifestierte.

Später lernten wir auch noch die Mama kennen, die gekommen war, um gemeinsam das Ostermahl für die ganze Familie zu bereiten. Nur der Ehemann sei vor Jahren mit einer Rumänin durchgebrannt und der gemeinsame Sohn mit ihm. Wir bekamen, als Referenz zum pfirsichblütigen Namen des Hauses, noch ein Glas eingelegte Pfirsiche geschenkt, schrieben Lobpreis und Dank in das Gästebuch, fotografierten uns gegenseitig und machten uns mit Küsschen links und rechts auf unseren weiteren Weg. Sehr nett all dies, wenn auch ein wenig viel des Guten.

Landschaft in der Po-Ebene

Wir hatten heute keinen fertigen Radweg, dem wir folgen wollten, sondern hatten uns schon mit der Wahl dieses Übernachtungsortes entschieden, ein Stück des Po-Radweges auszulassen und erst bei Ostiglia wieder darauf zu stoßen. So ließen wir uns einfach vom Navi den Weg weisen, und OpenStreetMap, dessen App neuerdings etwas verwirrende Updates erfahren hatte, erledigte diese Aufgabe ganz vorzüglich. Den ganzen Tag waren wir auf untergeordneten Straßen und meist gut befahrbaren Feldwegen unterwegs. Das Land lag in Ostersonntagsruhe und unsere Tagesdistanz ließ, zumal die Strecke völlig eben war, ruhiges Dahinfahren zu, das bisweilen von Rückenwind begünstigt wurde.

Straße in Villimpenta

Nur mit der Gastronomie war es etwas schwierig, weil viele Bars zu hatten oder nur geschlossene Gesellschaften bewirteten. Immerhin fanden wir in einem kleinen Ort eine Bar unter asiatischer Leitung, wo sich etliche Männer niedergelassen hatten, die offenbar an diesem Festtag keine andere Unterhaltung hatten. So kamen auch wir zu unserem Nachmittagskaffee.

Ostiglie - Hotel La Ciminiera

Gegen Vier waren wir in Ostiglia vor dem Hotel La Ciminiera wo wir gebucht hatten, aber niemand war da, um uns zu öffnen. Nach längerem Warten und Läuten rief ich die Telefonnummer, die auf einem Zettel an der Tür stand und verstand die erhaltene Auskunft so, dass gleich jemand käme, um uns einzulassen. Als eine halbe Stunde später noch immer niemand erschienen war, rief ich nochmals an und erhielt den Einlasscode für die Tür und die Information, welcher der auf der Theke bereit liegenden Zimmerschlüssel für uns gedacht sei.

Wir gingen in unser Zimmer, ruhten uns eine Weile aus und machten uns dann auf den Weg, etwas zu Essen zu suchen. Das war nicht ganz einfach, denn wie das Restaurant bei unserem Hotel hatten auch viele andere Gaststätten wegen Ostern geschlossen. Am Ende fanden wir aber doch ein geöffnetes Hotelrestaurant und bekamen dort gute Pizza. Es herrschte da auch reger Andrang von Leuten, die Pizza für die ganze Familie zum Mitnehmen holten. Als wir wieder zu unserem Hotel zurückkamen, dröhnte die Musik am nahen Jahrmarkt bei leeren Karussels für ein paar herumstehende Jugendliche. Wir hörten den Klang auch noch, als wir schon im Bett lagen.

16.04.17 - Track Campazzo-Ostiglia

​15. April
Sirmione – Campazzo (55 km) 

Es war eine Ruhige Nacht in der Ferienanlage. Morgens mussten wir, wie schon am Vorabend, die Heizung etwas dressieren (oder sie uns), damit wir warmes Wasser hatten, denn immer wieder ging die Zündflamme aus.

Wir packten unsere weit im Haus verstreuten Sachen zusammen, bepackten unsere Räder und fuhren hinüber ins B&B zum Frühstück, wo uns die Signora mit Küsschen Küsschen empfing und ein gutes Frühstück servierte.

Dann entschlossen wir uns, doch noch bis zur Spitze der Landzunge von Sirmione zu fahren. Das lohnte sich nicht wirklich, denn wir sahen eigentlich nur einen endlos langgezogenen Badeort, eine endlose Autokolonne und viele Feriengäste zu Rad und zu Fuß. Das gegenüberliegende Ufer des Sees war heute im Dunst nicht auszumachen.

Am Tor zur Altstadt endete unsere Fahrt, denn dort waren Fahrräder nicht zugelassen. So setzen wir uns für eine Weile auf eine Bank am Kai, ließen die Touristengruppen zu Lande und die Touristenboote und – schiffe zu Wasser an uns vorbeiziehen, schrieben dieses, lasen Zeitung und schauten auf den See hinaus.

Peschiera del Garda- Stadttor mit Touristen und Händlern

Als wir genug gesehen hatten, machten wir uns auf den Rückweg. Obwohl schon alle Parkplätze im Ort und entlang der Zufahrtsstraße belegt zu sein schienen, kam uns immer noch eine endlose Autoschlange entgegen und Scharen von Fußgängern waren ebenfalls in Richtung Landspitze unterwegs. Erst nach dem Ende von Peschiera, als wir wieder am Mincio waren, wurde es leerer. Das war wohl auch dem Wetter geschuldet, das sich etwas bedeckt und kühler gab, als in den letzten Tagen.

Radweg am Mincio

Wir hatten reichlich Zeit, machten zwischendurch auf einer Bank am Fluss Pause, dann fuhren wir weiter am Mincio entlang abwärts, verließen den Fluss bei Valeggio und kletterten hinauf, bis kurz unter die Burg.

Über den Dächern von Valeggio

Dann ging es weiter über Land, jetzt ohne Radwanderweg, navigeführt über kleine Straßen und Feldwege bis zu unserer Unterkunft in Campazzo. Der Ort, allem Anschein nach ehemals ein großer Bauernhof, wäre ohne Navi kaum zu finden. Wir hatten die Zeit unserer Ankunft fest vereinbart und wurden von der Wirtin des B&B Peschi in Fiore sehr herzlich empfangen. So herzlich in der Tat, dass wir uns ihrer Redseligkeit nur mit Mühe entziehen konnten.

Unser Zimmer mit Balkon war sehr geräumig und das luxuriöse Gemeinschaftsbad hatten wir für uns allein, weil sonst keine Gäste da waren. Auf unsere Frage nach Essensgelegenheiten reservierte uns die Signora einen Tisch in der Trattoria Ruzzenente im gut sieben Kilometer entfernten Ort Pizzoletta und da die angekündigten Gewitter auszubleiben schienen, fuhren wir hin. Das lohnte sich sehr, denn für nur 11 Euro pro Person bekamen wir Wein, Wasser, Primo (Tortelli di Zucca und Tagliatelle in brodo con i fegatini) und secondo (Calamari und Schweinehals) mit weißen Bohnen, Gemüse und Pommes, zum Abschluss Café. Anschließend ließen wir uns durch die dunkle Landschaft zurücknavigieren und setzen uns noch zu Bier und Kerzenlicht auf unseren Balkon.

15.04.17 Sirmione-Campazzo Track

14. April
Mantova – Sirmione (Lugana)
(61,5 km) 

Wir konnten gut und ruhig schlafen im B&B Abbazia, verzichteten aber wieder auf das zweite „B“ und frühstückten lieber in der Altstadt in einer Bar bei der alten Camera di Commercio. Dann ließen wir uns vom Navi noch einen Supermarkt zeigen, wo ich Käse, Biobananen, Wasser und zwei Mehrfachstecker für den Strom kaufte, denn ich hatte meinen, wie das schon mehrfach passiert war, versehentlich in Parma zurückgelassen.

Mantova - An der Camera di Commercio

Dann ging es zum Fluss Mincio, der eigentlich ein gemauerter Kanal ist, und an dem entlang unsere Tagestour zum Gardasee führen sollte. Die Strecke scheint bei Tagesausflüglern vom Gardasee beliebt zu sein, die uns immer zahlreicher entgegen kamen, je näher wir an unser Ziel gelangten.

Pfadfingergruppe auf Rädern am Mincio

An einem Boule-Platz am Fluss machten wir Pause. Ein Mann kam und ließ sich auf einem der Plastikstühle an der anderen Seite des Weges nieder. Einer kam mit dem Moped, kehrte aber gleich wieder um. Schließlich, als wir aufbrachen, erschien einer auf dem Fahrrad, in einer Hand eine Karre mit Boule-Utensilien hinter sich herziehend.

Radweg am Mincio

Wir fuhren weiter den recht gemütlichen Mincio-Radweg entlang bis nach Peschiera am Gardasee, wo es mit der Ruhe zu Ende war. Der Ort wimmelte vor Urlaubern und so blieb es auch auf dem weiteren Weg bis Sirmione, wo wir im B&B Casa Patrizia gebucht hatten. Die Wirtin hatte schon Nachricht gegeben, dass sie uns nicht in diesem Haus, sondern in der Nähe unterbringen würde. Ich rief ihre Telefonnummer und alsbald erschien sie und lotste uns in ihrem Auto zu einer gepflegten, etwas älteren Ferienanlage, wo wir ein schönes ebenerdiges Appartement in einem Haus unter Bäumen beziehen konnten. Drinnen war es kühler als draußen, denn wir waren wohl die ersten Gäste des Jahres und leider mussten wir die Signora, kaum dass sie fort war, gleich wieder rufen, weil das Warmwasser nicht funktionierte. Sie zeigte uns, wie man den Boiler resettet, etwas, worin wir noch gut in Übung kommen sollten.

Als wir eingerichtet waren, fuhren wir noch ans Wasser und schauten auf den See, dann. zu einem nahen Supermarkt und schließlich zu einer Pizzeria, wo wir, umtobt von Kindern anderer Gäste, zu Abend aßen. Zum Schluss setzten wir uns noch für ein Abendbier auf die Terrasse.

14.04.17 Mantova-Sirmione Track

13. April
Parma – Mantova (95 km) 

Morgens packten wir im dritten Stock des „Parmigianino“ wieder unsere elf Fahradtaschen in den winzigen Aufzug, in dem zusätzlich nur noch eine Person Platz hatte, schafften sie unten wieder heraus und vor die Tür, holten unsere Fahrräder, die wohlbehalten am Einstellplatz unter/hinter dem Haus warteten, packten auf, wie immer, und fuhren los.

Der Verkehr war gleich recht heftig, aber über einen Kreisverkehr hinweg sahen wir eine Bar, ließen uns hinaustragen und setzen uns zu Cappuccino und Hörnchen. Es war eine jener Bars, wo ein paar alte Männer sich auf einen Schwatz oder zwei niederlassen, der Postbote auf einen Café halt macht, der Fahrer eines kleinen Müllautos mal kurz Pause macht, ein Klempner sich stärkt, ehe er seinen Werkzeugkasten in eines der oberen Stockwerke schleppt, und einer, der gerade vorbeiradelt, kurz grüßt, gegrüßt wird, ein paar Worte fliegen hin und und her, er zögert, bleibt dann doch stehen, lehnt sein Fahrrad an und kommt herein.

Schwerlastverkehr - Autobahnbrücke bei Parma

Wir blieben eine Weile, sahen zu, zahlten, fuhren weiter. Heute wollte es lange nicht gemütlich werden, die große Stadt ließ uns nicht los. Kilometerweit ging es auf größeren Straßen dahin, wo uns immer wieder Lastzüge überholten, auch die Landschaft war mehr von Gewerbegebieten und Industrieanlagen geprägt und erst nach Mittag kamen wir wieder in die Flusslanschaft des Po.

Da wurde der Weg zwar wieder ruhig, führte auf Dämmen und kleinen Straßen entlang, aber hier schien man sich nicht sehr für die Radler zu interessieren, jedenfalls gab es keine Beschilderung und leider auch keine Rastplätze, und da auch der nächste Ort noch fern war, fuhren wir einfach vom Damm herunter ins Ufergehölz und machten Brotzeit im Stehen. Sitzen konnten wir ohnehin den ganzen Tag.

In dem Städtchen Brescello erinnerten die Namen von Lokalen, die Stauen von Don Camillo vor der Kirche und von Peppone vor dem Rathaus und weitere Memorabilia daran, dass die beliebten Filme hier gedreht worden waren.

Brescello - Statue des Peppone vor dem Rathaus

Es blieb dann eher ruhig, auch die Einfahrt nach Mantova führte eher durch beschauliche Wohngegenden, bis wir dann doch im Verkehrstrubel der Innenstadt landeten. Unser Hotel sollte ganz in der Nähe des Bahnhofs liegen. Es erwies sich, dass drei zusammengehörige Unterkünfte nebeneinander an einer dicht befahrenen Straße lagen. Der schmale Gehweg war vor der Straße durch ein robustes Geländer geschützt und im Gedränge dieses Weges mussten wir mit unseren Packeselchen warten, bis uns jemand zu dem Teil des Komplexes brachte, in dem wir unterkommen sollten. Dort, im dritten Hinterhof, wurde es dann angnehm still. Die Räder konnten gut geschützt direkt vor unserer Zimmertür parken und alles war recht nett.

Straßenszene in Mantova

Wir fuhren später noch eine Weile kreuz und quer durch die Stadt, freuten uns über bekannte Plätze und neue Entdeckungen und fanden auch ein ganz nettes Lokal zum Abendessen. Nur die Wirtin war seltsam, drängte sich immer zwischen den Stühlen hinaus auf die Straße, wenn Passanten an ihren Speisekarten stehen blieben und bedrängte sie so sehr, Platz zu nehmen, dass alle sich schnell abwandten. Dann kam sie zurück und schimpfte laut über die Leute, die woanders lieber Pizza oder Precotto äßen, als ihre auf Bestellung frisch zubereitete Kost. Wir aßen gut, aber weder exzellent, noch üppig.

Danach war noch Zeit für ein Eis und einen Blick in den Dom, wo an diesem Gründonnerstagabend eine große Messe mit vielen Priestern, viel Weihrauch und beinahe schlagermäßiger moderner Musik stattfand. Dann führte uns das Navi, das alle Fußgängerzonen und Einbahnstraßen kennt, in seltsamen Windungen zurück zum Hotel. Ich war selbst überrascht, von welcher Seite wir kamen.

13.04.17 Parma-Mantova Track

12. April
Cremona – Parma (79,5 km) 

Le stanze di Anna sind ein durchaus angenehmer Ort. Wir schliefen gut an dem ruhigen Innenhof und wurden nicht zu früh vom Gesang einer Amsel geweckt. Wir brauten uns Tee, nahmen von den abgepackten Hörnchen und Törtchen, aßen Fruchtjoghurt und ließen die Kapsel-Kaffeemaschine lieber in Ruhe.

Cremona - Markt am Domplatz

In der Stadt war Markt und weil da mit unseren bepackten Rädern kaum ein Durchkommen war, verzichteten wir vorerst auf Brotkauf und Kaffegenuss und machten uns auf in die Landschaft. Nach einiger Zeit fanden wir im Auwald ein Lokal, wo sich die einheimische Bevölkerung zur Einkehr zu treffen schien, und setzten uns zum Cappuccino.

Radweg in den Auen des Po

Dann ging es weiter durch die Auen. Die Landschaft war heute etwas abwechslungsreicher, es gab junge Mischwälder, verschiedenen Ackerbau und große Rinderställe. Oft führte der Weg auf Dämmen dahin und folgte in Windungen den Wasserläufen.

In einem kleinen Ort fanden wir um die Mittagszeit einen Bäcker, wo wir Brot holten, und gerade als uns am frühen Nachmittag das Bedürfnis nach einer Rast verspürten, kamen wir durch Roccabianca, wo es schattige Bänke gab, und auch eine Bar, die wir nach unserer Mahlzeit aufsuchten.

Landstraße

Der Weg führte weiter auf mäandernden Dämmen entlang, ein paar Biegungen kürzten wir ab, indem wir wenig befahrene Straßen nahmen. Je näher wir Parma kamen, umso gewerblicher wurde die Landschaft und der Verkehr nahm zu, allerdings fanden wir auch wieder ruhigere Straßen und auf dem letzten Stück einen gut ausgebauten Radweg bis zum Hotel. Auch in der Residence Parmigianino haben wir ein Appartement mit Kochgelegenheit, aber das Haus ist recht groß und hat nicht den Charme wie bei Anna in Cremona. Sonst passt alles.

Parma - Residence Parmigianino

Nach einer Ruhepause radelten wir zum Dom, dann kreuz und quer durch die Altstadt und landeten am Ende bei La Duchessa an der Piazza Garibaldi, wo sich anscheinend auch die Jugend der Stadt zum Pizzaessen trifft. Den Abschluss bildete ein Eis bei einer Gelateria, aber das schmeckte uns nicht so gut wie am Vortag.

12.04.17 Cremona-Parma Track